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Sonntag, 14. April 2019, 16:24

XXVII – Unerwarteter Besuch Teil 1


Schnell haben Estelle neue Pflichten heimgesucht, bei denen Juna ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. So muss für das Auffüllen der Vorräte für die Schiffs-reise gesorgt werden, der Abbau des Lagers muss in logischen Schritten erfolgen und alles, was ins Lager geschafft wurde, muss nun zurück zum Schiff gebracht werden.
Während Estelle die Zuständigkeiten und Hierarchie der Männer geduldig von Juna erklärt bekommt, beweist Estelle nun ihre Lernwillig- und –fähigkeit und wendet das Gehörte an.
Bis zum Vorabend der geplanten endgültigen Abreise aus Hochfels ist somit alles auf den Weg gebracht, hat sich das Lager um Männer und Zelte, sowie Zubehör, auf ein Minimum reduziert. Den ganzen Tag über werden Nordmänner mit Pferdekarren eingesetzt, die halbvollen Proviant in Richtung Dolchsturz bringen, die Vorräte dort auffüllen und weiter auf das Schiff transportieren.
Bei der Berechnung der benötigten Vorräte hingegen ist Juna einmal mehr eine unersetzliche Hilfe für Estelle, weshalb sich zwischen den beiden Frauen eine rasche Freundschaft entwickelt und man die eine selten ohne die andere antrifft. Auch die Nordmänner haben sich inzwischen an die Frau ihres Anführers gewöhnt, ziehen sie bei häuslichen Angelegenheiten und bei der Koordination gern und auch oft zu Rate und entlasten damit auch Alaric, der sich um die Waffenbestände und –pflege kümmert, daher auch den Tag über beim Schmied in Dolchsturz verweilt.

Estelle bespricht mit Juna gerade im Hauptzelt die Beschaffung einige neuerliche Vorräte, die sie zusätzlich für die anstehende Reise der Ladung des Schiffes zufügen will und somit ihr eigenes Wissen einbringt, als sich ein einzelner Reiter dem stark verkleinerten Lager nähert. Kurz vor dem mächtigen Hauptfeuer des Lagers verringert er die Geschwindigkeit seines Rosses und steigt aus dem Sattel, während sich ihm Fenrik und Torben bereits nähern. Die beiden Nord gehören zu den Männern, die Alaric sowohl zum Schutz, als auch als seine persönlichen Getreuen bei der Lagermannschaft belassen hat. Kurz hinter Torben nähert sich auch der junge Marius, um dem Reiter das Pferd abzunehmen und sich für die Dauer seines Aufenthalts darum zu kümmern.
„Seid gegrüßt!“
Torben richtet das Wort an den Ankömmling, Fenrik steht gleich neben ihm und beäugt den Reiter ganz offen. Der Mann scheint aus einfachen, jedoch nicht ärmlichen Verhältnissen zu stammen. Seine Kleidung ist sauber und gut, jedoch aus einfachen Stoffen. Als scheinbar einzige Waffe trägt er einen Dolch bei sich, der in einer Lederscheide an seinem Hüftgurt befestigt ist. Der Mann selbst mag die 40 Sommer überschritten haben, jedoch ist sein Gesicht vom Leben derart gezeichnet und von Falten durchzogen, dass eine genaue Einschätzung seines Alters nicht möglich ist. Als er die Kapuze seines Reiseumhangs zurückschiebt, kommen dunkelblonde, leicht gelockte Haare zum Vorschein, die bereits von grauen Strähnen durchzogen sind. Der Mann deutet eine leichte Verbeugung an, neigt seinen Kopf dabei grüßend gegen die beiden Nordmannen, die ihn um knapp anderthalb Köpfe überragen. Er zieht die Enden seines Umhangs um seine schmächtige Gestalt zusammen, als würde er frösteln.
„Grüße“, erwidert auch er, ehe er versucht einen Blick neben den beiden Nord in den Hintergrund, auf das Herz des Lagers zu erhaschen.
„Ich würde gerne mit Estelle Lamont sprechen, sofern sie hier verweilt?“
Mit diesen Worten richtet sich sein Blick wieder direkt auf die beiden eindrucksvollen Nordkrieger vor ihm. Die beiden Männer wechseln einen raschen Blick miteinander, ehe Torben einmal mehr das Wort ergreift.
„Estelle Lamont sagt Ihr? Was wollt Ihr von ihr und was ist der Grund Eures Besuchs?“, hakt der Nord achtsam nach, prüfend den Blick auf den Besucher gerichtet.
„Verzeiht!“ Der Besucher wiederholt eine knappe Verbeugung, ehe er sich namentlich vorstellt. „Mein Name ist Celandin Lamont. Ich… bin ihr Vater.“

Kurze Zeit später sitzen Estelle und Celandin im Hauptzelt des Lagers beisammen, beide je einen Krug Honigmet vor sich.
„Weshalb seid Ihr hier, Vater? Warum jetzt, nach all den Jahren?“
Estelle‘s Stimme ist ruhig und doch schwingt eine leichte Vibration mit, die ihre Betroffenheit widerspiegelt. Ihr Blick ist auf ihren Krug gerichtet, während zahllose Gedanken durch ihren Kopf gehen. Ein tiefes Aufseufzen seitens ihres Vaters lässt sie zu ihm aufsehen.
„Du fragst nicht zuerst danach, weshalb wir dich damals zu den Wyrdinnen in die Obhut gegeben haben?“, kommt die fast erstaunt wirkende Frage von ihm an sie, ehe er sich verhalten räuspert und seinen Blick ebenso auf seinen Krug gehen lässt, er sich scheinbar seine Worte erst zurechtlegen muss.
„Nun, dann beginnt das Gespräch so, wie Ihr es für richtig haltet.“
Ein sachtes Nicken ihres Vaters folgt auf ihren Vorschlag hin, ehe er leise zu erklären beginnt.
„Die damaligen Geschehnisse… Versteh bitte, dass ein Leben in Dolchsturz, als Mitglieder der Magiergilde, niemals frei ist. Es ist gebunden an Regeln, Vorschriften und Beobachtungen.“
Celandin’s Stimme wird leicht brüchig, weshalb er einen Schluck Honigmet zu sich nimmt, ehe er das Gespräch wieder aufnimmt.
„Die Leute fingen an zu reden. Über das, was in unserem Haus vor sich ging und auch über dich, Estelle. Wir konnten nicht…“
„…Ihr konntet euch meiner nicht annehmen, um Euren Ruf und Eure Stellung nicht zu gefährden oder zu verlieren, nicht wahr?“
, wird er an dieser Stelle von Estelle unterbrochen, deren Blick für diesen Augenblick kühl wird. Celandin atmet tief ein, scheint etwas darauf erwidern zu wollen und doch endet dieses Vorhaben mit einem schlichten Senken seines Kopfes und einer simplen Frage.
„Wie ist es dir ergangen?“
Eine längere Gesprächspause entsteht, ehe Estelle ansetzt zu sprechen. Ihre Stimme wirkt deutlich fester, auch wenn sie recht leise spricht.
„Sie waren gut zu mir. Sie nahmen mich wie ich bin und mit meinen… Eigenarten.“, fasst sie für ihren Vater ruhig die Vergangenheit zusammen, die für sie noch immer so lebendig ist und die Erinnerungen an ihr Elternhaus vertrieben hat.
„Mutter Frederika, jede der dort lebenden Wyrdinnen, meine Schwestern, haben mich viel gelehrt und mir Schutz gewährt, wo mir der Eure versagt blieb, Vater.“
Estelle’s letzter Satz ist eine Feststellung, fernab jeglicher Anklage oder Bitterkeit in der Stimme. Celandin erkennt allein am Tonfall ihrer Stimme, dass die Fürsorge sich verschoben hat, übergegangen ist an dem Tag, an dem er seine Tochter der Wyrdgemeinschaft übergab.
„Ich verstehe und bin in gewisser Weise froh, dass sie dir ein Zuhause, Schutz und Verständnis entgegen brachten, wo wir… es nicht konnten.“
Estelle atmet tief durch und streckt ihren Körper. Der Krug wird auf die Seite gestellt und ihre Hände in ihren Schoß gelegt, ehe sie ihren Vater anblickt.
„Nun, da wir die Vergangenheit nicht in der ausführenden Hand haben erklärt mir doch bitte, weshalb Ihr nun hierhergekommen seid und weshalb Ihr gerade jetzt den Kontakt zu mir sucht.“
Celandin hebt den Blick, legt ihn auf seine Tochter und scheint sich für einen langen Moment in der Vergangenheit zu verlieren. Sein kleines Mädchen. Ein wirbelnder Lockenkopf mit lebendigen, neugierigen Augen und einem Wesen, das stets gutmütig und mitfühlend war. Die junge Frau die nun vor ihm sitzt entspricht dem, was ein Vater sich wünschen würde. Wie sein Kind heranreifen sollte und doch ist dies weder sein Verdienst, noch der seiner Frau. Ein Aufseufzen folgt, ebenso ein leichtes Wiegen seines Kopfes, ehe er erneut in das Gespräch eintaucht.
„Der Schneider hat dich erkannt. Selbst nach so vielen Jahren. Und die Männer aus dem Norden, in deren Gesellschaft du dich befindest, haben ebenso für Stadtgespräche gesorgt und diese sind schließlich auch an mein Ohr gelangt.“, erklärt ihr Vater, wie er auf Estelle und ihr Leben überhaupt wieder aufmerksam geworden ist. Estelle lässt ihn reden. Zu sehr interessiert sie, weshalb er den Weg zu ihr gesucht hat.
„Die Leute munkeln, dass eine Hex… eine Wyrdin an der Seite eines Nordkrie-gers geht und mit ihm reisen wird. Ist das wahr? Wirst du mit ihm gehen?“
Estelle schnappt kurz nach Luft. „Hexe“, selbst aus dem Mund ihres Vaters. Sieht er sie so? Als Hexe? Als Gefahr und Abnormität? Ein paarmal atmet sie bewusst, schließt konzentriert ihre Augen ehe sie ihren Blick wieder hebt und dem ihres Vaters begegnet.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Sonntag, 14. April 2019, 16:34

XXVII - Unerwarteter Besuch Teil 2


„Ja, es ist wahr. Alaric hat mich gebeten ihn zu begleiten. Als seine Frau und ihm ist es einerlei, ob ich Hexe oder Wyrdin bin. Er liebt mich! Die Frau an seiner Seite und damit noch nicht genug, haben wir Mutter Frederikas Segen erhalten und ich trage sein Kind unter dem Herzen.“
Estelle’s Worte sprudeln nur so hervor, offenbaren ihrem Vater Neuigkeit um Neuigkeit und distanziert sie selbst dabei auffällig von und zu ihm. Dessen Augen weiten sich, bei jeder Information die er von seiner Tochter erhält und wandern bei der Nachricht des entstehenden Kindes zu ihrem Leib, ehe sie danach zu Boden gehen.
Celandin‘s Hände umfassen den Metkrug fester, als würde er daran Kraft und Rat suchen, ehe er ein bedächtiges Nicken von sich gibt. Er spürt und hört, dass seine Tochter nicht mehr Teil seines Lebens ist, es auch nicht mehr sein wird und fasst einen Entschluss. Keinesfalls wird er ihr mitteilen, dass ihre Mutter den vorletzten Winter nicht überlebt hat. Dieses Mal wird er ihr ein Vater sein und sie vor Leid schützen, ihr die Information vorenthalten, dass sein Mentor der Magiergilde ihn dazu anhielt neuerliche Erkundigungen über seine Tochter und deren anormalen Fähigkeiten anzustellen. Keinesfalls wird er ihr mitteilen, dass der ihn mit einer Nachricht an sie aussandte, dass Estelle in den Augen der Magiergilde als unerwünschte Person in Dolchsturz angesehen wird. Der düstere Schatten der Vergangenheit, der diese aufrecht zu erhalten wusste, da dieser Mann in der Vergangenheit das Mal an Estelle entdeckt hatte. Dieses Mal war es auch, das dem Schneider aufgefallen war, der sein Wissen darum, aufgrund des guten Tageslohns den er von Alaric für seine Arbeit erhalten hatte, prahlend auf dem Markt von Dolchsturz breitgetreten hatte, bis es auch an die Ohren der Mitglieder der Magiergilde gelangt war.
Celandin wirkt von einem Moment auf den anderen müde und scheint während seiner Gedanken merklich weiter zu altern, während seine schmale Gestalt ein wenig zusammensackt. Langsam erhebt er sich und stellt den Metkrug bestimmt ab.
„Wohlan. Dann bleibt mir nur, dir eine gute Reise und ein erfülltes, gesundes Leben zu wünschen. Ich freue mich für dich, dass du bald deine eigenen Familie hast und hoffe, dass du dich im hohen Norden zuhause fühlen wirst.“
Celandin’s Blick geht noch einmal zu seiner Tochter hin und doch legt er nun Distanz in seine Haltung, indem er nur ein knappes Nicken zu ihr gehen lässt und das Gespräch damit für beendet erklärt, indem er sich zum Gehen wendet.

„Vater?“
Estelle springt auf, geht auf ihn zu und fasst sanft nach seinem Arm. Fast bittend geht ihr Blick zu ihm, als sie ihm ein zögerliches Lächeln schenkt.
„Ich werde dir… werde euch schreiben. Wenn das neue Leben geboren ist würde ich mich freuen, wenn ihr, als meine Eltern und seine Großeltern, uns besuchen kommt.“
Celandins Hand hebt sich ein wenig und fast scheint es, als wolle er seine Hand über die seiner Tochter legen. Jedoch hebt er einzig die Hand seiner Tochter von seinem Umhang ab und lässt sie dann fallen, als hätte er sich daran verbrannt.
„Und ich denke, es endete bereits vor Jahren und daran sollten wir nichts mehr ändern, Estelle. Du hast deine jungen Tage bei den Hexen verbracht und führst dein weiteres Leben in den nordischen Regionen. Du bist versorgt und am Leben, mehr wollte ich nicht wissen.“
Ein schmerzlicher Ausdruck huscht bei diesen klaren Worten über Estelle’s Gesicht. Noch einmal holt sie Luft, als wolle sie darauf etwas erwidern, entscheidet sich stattdessen jedoch nur für ein leichtes Nicken und tritt gleichzeitig einen Schritt von ihrem Vater zurück.
„Dann… endet es hier und ich brauche Euch wohl nicht zu bitten, Mutter Grüße von mir zu bestellen. Ich… wünsche Euch ebenso ein gutes und auch gesundes Leben und Euch, Vater, einen glorreichen Weg in der Magiergilde.“
Estelle neigt leicht ihren Kopf zu ihrem Vater hin, ehe sie sich abwendet. Die Distanz zwischen Vater und Tochter hat sich soeben zu einem düsteren Ozean gewandelt, den kein Schiff zu überwinden vermag. Sie sieht nicht den schmerzlichen Blick ihres Vaters, auch nicht das stolze Lächeln auf seinen bebenden Lippen, mit denen er seine ihm abgewandte Tochter betrachtet und weiß, dass er sie endgültig verloren hat auch wenn genau das von ihm beabsichtig war. Estelle hört nur das leichte Rascheln der Zeltplane, als diese beiseitegeschoben wird und Celandin das Zelt verlässt, um sich auf den Rückweg nach Dolchsturz zu machen.

Vor dem Zelt wartet bereits Fenrik. Er scheint Wache gestanden zu haben, zur Sicherheit von Estelle und dem Ungeborenen und unweigerlich das Gespräch mitbekommen zu haben. Sein Blick fällt auf den ältlichen Mann.
„Ihr sucht Eure Tochter auf, um sie dann von Euch zu stoßen?“, raunt er Celandin zu und bedenkt ihm mit einem zweifelnden Blick, der Unverständnis ausdrückt. Estelle’s Vater hebt den Kopf soweit an, dass er dem Blick des Kriegers begegnen kann. Dabei bleiben seine Augen für einen längeren Moment auf dem Amulett haften, das der Krieger um seinen Hals trägt. Oder zumindest die Hälfte eines Amuletts, das er, aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit in der Magiergilde, als Zeichen der daedrischen Göttin Meridia einordnen kann was seine Entgegnung nun deutlich knapper ausfallen lässt.
„Das geht Euch wohl nichts an. Kümmert Ihr euch um Eure Angelegenheiten, ich mich um die meinen.“
Still einander abschätzend mustern sich die beiden Männer und es würde wohl noch länger andauern, wenn Marius sich nicht mit dem Pferd von Celandin nähern würde, dessen Zügel er ihm übergibt. Wortlos nimmt der dem Knappen sein Ross ab, nickt verabschiedend zu Fenrik hin und führt es etwas weiter vom Lagerplatz weg, um sich sodann in den Sattel zu schwingen. Noch einmal dreht er sich herum, wirft einen letzten Blick auf das Zelt, in dem seine Tochter noch immer verweilt und in das Fenrik gerade eintritt.
„Gib auf dich Acht, meine Tochter und verlasse Dolchsturz, um nie wieder zurückzukehren. Ich werde dich immer in meinem Herzen haben.“, murmelt er leise und einzig zu sich, ehe er seinem Ross die Fersen in die Flanken drückt und es in einen schnellen Galopp in Richtung Stadt treibt.


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Dienstag, 30. April 2019, 14:48

XXVIII – Die Träume beginnen Teil 1

Es ist die letzte Nacht vor der Schiffsreise nach Himmelsrand. Lange haben Estelle und Alaric zusammengesessen, hat Estelle ihm von dem Besuch ihres Vaters erzählt und auch von dem endgültigen Bruch mit ihrer Familie. Er hat ihr zugehört, sie reden lassen und auch die Tränen getrocknet, die immer wieder über ihr Gesicht liefen.
“Wäre er doch nie hierhergekommen!“, führt Estelle an diesem Abend des Öfteren an und dennoch eröffnet sich ihr nicht der Sinn des Besuchs ihres Vater, wie lange sie auch darüber nachdenkt. Auch Alaric kann ihr darauf keine Antwort geben, beruhigt sie jedoch so gut wie möglich und grollt innerlich dem Mann, der seiner Liebsten derlei schwere Gedanken aufgebürdet hat.
Nur langsam beruhigt sich Estelle, versiegen die Tränen allmählich und endet der Abend damit, dass Alaric und sie sich auf das gemeinsame Lager zurückziehen, auf dem Estelle in der fürsorglichen Umarmung Alaric’s einschläft.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Die Nacht ist dunkel durch die Wolken am Himmel, die sich immer wieder vor die Sichelmonde schieben. Der Wagen bewegt sich langsamer voran, seit der eingelegten Pause, in der die beiden Passagiere das mitgeführte Mahl zu sich nahmen und das Kind vermehrt bei seinem Vater nachfragte, wohin sie denn reisen würden. Schweigen war die Antwort auf ihre Frage oder eine Ablenkung hin zur nächtlich aktiven Natur wie der Ruf eines Käuzchens oder das deutlich vernehmbare Plätschern des Flusses, an dem sie rasteten.
Nun nähern sie sich auf dem befestigten Weg einer Lichtung, deren Mittelpunkt ein schier unglaublich alter und riesiger Baum ist, dessen Blätter selbst unter dem wolkenverhangenen Himmel silbrig zu glänzen scheinen. Hatte Estelle bis dahin ruhig im hinteren Teil des Wagens verbracht, eingehüllt in Umhang und Decke, sie bewegt sie sich nun in Richtung des Wagenbocks, von dem aus ihr Vater das Pferd lenkt.
Die Vierjährige blickt fasziniert auf den Baum und die darunter verteilten Lagerfeuer, die im Verlauf der Nacht kleiner und ruhiger flackern.
„Das ist… wunderschön, Vater.“, bringt das Mädchen ihre Faszination zum Ausdruck und entlockt ihrem Vater ein Lächeln. Das erste in dieser Nacht und auf dieser Reise.
„Hier leben Frauen, die allesamt der Natur und der Magie dienen.“, erklärt er seiner Tochter fast andächtig, denn auch ihm schickt der sich ihnen bietende Anblick eine Ruhe ins Herz, die er schon lange nicht mehr spürte. Je näher sie diesem Dorf in freier Natur kommen, desto mehr verringert Celandin auch die Geschwindigkeit des Wagens, bis er das Zugpferd gänzlich zum Stillstand bringt und auch vom Wagen absteigt.
Obwohl es tief in der Nacht ist, wurden sie scheinbar erwartet denn eine Frau in einem hochwertig aussehenden Gewand nähert sich ihnen, gefolgt von zwei jüngeren Frauen. Sofort richtet sich Estelle’s Blick mit kindlicher Neugier auf die drei Frauen und erntet von einer der jüngeren ein verschmitztes Zwinkern. Kaum am Wagen angelangt, verbeugt sich Celandin tief zum Gruß, während die voranschreitende Frau nur leicht ihren Kopf zu ihm neigt, ihr Gruß somit deutlich geringer ausfällt.
„Ihr seid Matrone Frederika, nehme ich an?“, erfragt Estelle’s Vater nach seiner Begrüßung.
„So ist es. Seid gegrüßt und ich hoffe, Eure Reise verlief ohne Zwischenfälle.“
„In der Tat hatten wir eine ruhige Reise, verbunden mit einer kurzen Rast und anschließender Weiterreise zu Euch. Darf ich Euch nun meine Tochter Estelle vorstellen?“
Mit diesen Worten dreht sich Celandil zum Wagen herum und hält Estelle seine Arme entgegen, um sie vom Wagen zu heben. Diese kommt seiner Aufforderung auch nach und verneigt sich mit einem leichten Knicks vor der scheinbaren Würdenträgerin, wohl dem Oberhaupt dieses Dorfes inmitten der Natur. Diese gibt ein leises Lachen von sich, ob dieser doch sehr würdigen Begrüßung und reicht dem Mädchen freundlich ihre Hand, um ihr aufzuhelfen.
„Nicht doch, mein Kind. Mir musst du keine derart höfische Begrüßung zuteilwerden lassen. Ich bin nur Frederika, das Oberhaupt unserer Wyrdgemeinschaft.“
Offen mustern sie sich gegenseitig, das Oberhaupt und das kleine Mädchen, wobei sie sich einander ein herzliches Lächeln schenken. Estelle fühlt sich leicht im Herzen wie schon lange nicht mehr und so fällt ihr das Lächeln gerade nicht schwer, kommt aus es den Tiefen ihres Herzens. Eine Hand legt sich auf ihre Schulter, unterbricht diesen Moment und lässt das Mädchen den Kopf wenden, hin zu ihrem Vater.
„Es bleibt bei unserer Vereinbarung, dass Estelle bei euch…“, Celandin zögert in diesem Moment. Er scheint gerade nicht zu wissen, wie er seinen Satz beenden soll, als er Hilfestellung seitens Frederika bekommt.
„…dass Estelle bei uns lernen wird. Richtig, es bleibt dabei. Wir sind keine Frauen die Zusagen geben und sie dann wankelmütig widerrufen.“, hilft sie aus und entlockt Estelle’s Vater damit einen tiefen Seufzer, der wohl eher einer Beruhigung entspringt, denn einer Besorgnis.
Eine der jungen Begleiterinnen des Wyrdoberhaupts wird an die Seite Frederika’s gewunken.
„Estelle, ich möchte dir Micelle vorstellen. Sie wird die erste Zeit an deiner Seite sein, die du hier verbringst und ist auch eine derer, mit denen du dir die Hütte teilst, in der wir den Schlafplatz für dich vorbereitet haben.“
Das junge Mädchen ist die, die Estelle bereits zugezwinkert hatte und neigt nun leicht den Kopf zu Estelle hin, verbunden mit einem aufmunternden Lächeln.
„Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen, Estelle. Sicherlich werden wir eine gute Zeit miteinander haben.“

Es ist nun schon die dritte Nacht, in der Estelle erneut tränenüberströmt aufwacht und die beruhigende Stimme von Micelle an ihrem Ohr vernimmt.
„Es ist gut, Estelle, ich bin bei dir und bleibe auch hier.“, flüstert sie der Kleinen liebevoll zu, streichelt dabei die verschwitzten und von Tränen genässten blonden Locken aus dem Gesicht. So ging es in bisher allen Nächten. Micelle ist stets an ihrer Seite, wenn Estelle das Heimweh nach ihrer Familie plagt, das über Tag keinen Platz hat, um sich breitzumachen. Und auch in dieser Nacht schafft es Micelle, die Tränen der Jüngeren zum Versiegen zu bringen und sie mit einem Lächeln wieder in den Schlaf zu bringen.
Am Tag ist Estelle beschäftigt. Sie lernt die anderen Frauen der Gemeinschaft kennen; jüngere und auch ältere. Sie wird an die Schriften herangeführt, lernt lesen und schreiben zusammen mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen namens Cyrena. Die beiden verstehen sich von Anfang an sehr gut und schon nach kurzer Zeit sieht man die eine kaum noch ohne die andere durch die Tage gehen. Gemeinsam lernen sie ebenso, die Gaben der Natur zu achten und auch einzusetzen. Abends lauschen die beiden Mädchen gemeinsam und eng aneinander gekuschelt den Geschichten am Feuer, wenn sie sich alle versammeln und den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen.
Nach einer Woche schläft Estelle zum ersten Mal durch. Zu frei kann sie sich hier bewegen, zu sehr entspricht die Natur um sie herum ihrem Wesen und zu offen werden ihr hier die Arme entgegen gestreckt, wenn ihre Gabe sich wieder an die Oberfläche drängt und sie etwas machen lässt, das bei Rania eher böse Worte oder schlimmeres hervorgerufen hätte. Hier wird sie angeleitet, wie sie ihre Gabe zum Guten leiten kann und wird ihr begreiflich gemacht, dass es ein Segen und kein Fluch ist. Mehr und mehr blüht Estelle mit der Zeit auf, findet zurück zu ihrer ursprünglichen Fröhlichkeit und schweifen ihre Gedanken dabei immer weniger zurück an ihr ehemaliges Zuhause und die Schrecken, die sie durch Rania erfahren hat.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Wohlig räkelt sich Estelle an Alaric’s Brust. Ein Lächeln liegt auf ihren Lippen, als sie sich noch näher an seine Seite legt. Das Glück und der Frieden, die ihr dieser Traum beschert hat, führt sie zurück zu ihrer inneren Ruhe. Durch ihn hat sie erstmals einen Einblick in ihre eigene Vergangenheit erhalten, die sie scheinbar selbst so lange in sich vergraben hatte. Ihr Vater hatte sie zu den Wyrd gebracht unter der Lüge, sie würde dort eine Zeitlang lernen. Doch er hatte sie nie wieder von dort abgeholt, nie wieder zurück in den Schoß der leiblichen Familie geführt. Das Gefühl, das dieser Traum in ihr geweckt hat ist jedoch verbunden mit dem Wissen, dass sie das Glück hatte eine neue und starke Familie zu finden. Eine, die sie und ihre magischen Gaben nicht verteufelte sondern sie lehrte, diese weise und gezielt einzusetzen. In diesem Wissen, heute die Frau zu sein die sie darstellt, schläft Estelle zufrieden an der Seite von Alaric erneut ein.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~



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Dienstag, 30. April 2019, 14:51

XXVIII - Die Träume beginnen Teil 2


Nebel umgibt sie und ein leichter Wind zerrt an ihrer Kleidung. In der weiteren Entfernung ist das Plätschern von Wellen zu hören, die am Strand auflaufen. Es ist Abend und die letzten Sonnenstrahlen liegen auf ihrem Weg direkt voraus. Dennoch ist die Luft kühl, lässt sie frösteln. Das Gehen fällt ihr schwer. Ab und an muss sie stehenbleiben und Luft holen. In diesen Momenten des Stehens geht ihre Hand auch zu ihrem stark gewölbten Unterleib und ein Schmerz zieht des Öfteren durch ihren Leib. Sie spürt, dass es bald soweit ist und zwingt sich, ihren Weg fortzusetzen. Schon sieht sie die glitzernde Oberfläche des Ozeans vor sich. Ihr Ziel ist nicht mehr weit entfernt und doch kommt ihr die Distanz unendlich vor. Noch einmal bleibt sie stehen, als der Schmerz sich erneut einen Weg bahnt und ihr das Gefühl gibt, als würde er sie schier zerreißen. Gegen eine Felswand gelehnt wartet sie den Schmerz ab, der nun in immer kürzer werdenden Intervallen über sie hereinbricht. Schweiß steht ihr auf der Stirn, den sie hernach unwirsch wegwischt. Ihre Hand zittert. Sie weiß so gar nicht ob sie es allein überstehen wird und doch führt kein Weg daran vorbei. Sie war schon bei Geburten dabei, aber selbst eine zu erleben, davon hat sie keine Ahnung.

Die Nacht zieht sich dahin. Immerhin ist es warm in der Hütte. Mit jeder neuen Welle des Schmerzes richtet sie ihren Oberkörper auf der Lagerstatt auf, versucht gegen und doch mit dem Schmerz zu atmen um Kraft zu sparen für das, was noch kommen wird. Leise Stimmen, die sich der Hütte nähern lassen sie keuchend innehalten, als die massive Holztür geöffnet wird und zwei Frauen eintreten.
„Du bist nicht allein, törichtes Kind. Wir werden dir helfen!“
Sanfte und ruhige Worte, die zu ihr gehen, während die andere Frau sich am Feuer zu schaffen macht und heißes Wasser zuzubereiten scheint. Eine kühle Hand, die sich beruhigend auf ihre Stirn legt und danach ihre Hand greift, um ihr Kraft zu geben. Das Gesicht der Frau liegt im Schatten verborgen, doch die Stimme klingt älter und weise, kommt ihr auf eigentümliche Art bekannt vor.

Ein Schrei erfüllt das Innere der schlichten Hütte, doch er kommt nicht von der Frau die auf dem Lager ruht. Er kommt von dem kleinen Bündel, das eine der Frauen kurz darauf in den Armen wiegt die mit dem Rücken zu ihr, zum Feuer hin steht.
„Es ist ein Mädchen!“
Noch einmal blinzelt sie. Sie ist erschöpft und doch ist das leise Wimmern des kleinen Bündels wie eine wunderschöne Melodie für sie, die sie nun lächelnd in den Schlaf trägt.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Die Welt um sie herum beginnt zu verschwimmen, löst sich langsam auf und bringt sie dem Aufwachen immer näher. Blinzelnd öffnet Estelle ihre Augen, versucht sich zurecht zu finden.
Lederne Wände, Felle unter ihr. Langsam hebt Estelle ihre Hand und bettet sie auf ihren Unterleib. Hat sie gerade von der Geburt ihres Kindes geträumt? Doch weshalb sollte sie es in der Fischerhütte beim Wyrd zur Welt bringen? Ihr Blick geht zur Seite, hin zu Alaric, der noch immer tief und fest schläft. Weiter wandern ihre Augen, entlang der Lederwände des Zeltes, in dem sie nächtigen. Es scheint noch mitten in der Nacht zu sein, sie selbst geträumt zu haben. Und obwohl sie sich ihren Traum nicht erklären kann, zieht sie noch einmal die Felle über sich und Alaric, dreht sich auf die Seite und schließt, nach einem zärtlichen Blick auf ihn, erneut ihre Augen, um auch den Rest der Nacht noch Erholung und Kraft zu finden für das, was vor ihr liegt: Die Seereise nach Himmelsrand. Über alles andere wird sie sich morgen Gedanken machen.


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Donnerstag, 2. Mai 2019, 09:42

XXIX – Aufbruch in den Norden Teil 1

Der nächste Tag beginnt für alle mit der frühen Morgendämmerung, als die letzten Vorkehrungen für die Abreise getroffen werden. Die noch verbliebenen Zelte der vergangenen Nacht werden nun abgebaut und auf einem Karren verstaut, der die letzten Überbleibsel vom einstigen Lager zum Schiff transportieren soll.
Emsiges Treiben herrscht im Lager, werden die Reste der Lagerfeuer beseitigt, die letzten Vorräte auf den Wagen geladen und die Pferde vor den Karren geschirrt.

Estelle hatte noch keine Gelegenheit mit Alaric über die verwirrenden Träume der vorangegangenen Nacht zu sprechen. Zu sehr sind alle mit der bevorstehenden Abreise beschäftigt und so auch Estelle selbst. Ein jeder packt mit an und Alaric koordiniert die Abläufe mit gewohnter Routine, teilt jeden Mann geflissentlich ein.
So vergehen kaum drei Stunden, ehe alle zum Aufbruch bereit sind. Die Nordmänner haben nun die traditionelle Kriegskleidung angelegt, deren Rüstung der Wappenrock aus dem Hause Morgenstern vervollständigt.



So vertraut die Männer Estelle inzwischen auch geworden sind, muss sie selbst tief und anerkennend Luft holen, als die nun sehr offiziell wirkenden Nordmannen zum Abritt bereit stehen und der junge Marius, als Bannerträger, zu Pferd vor Alaric Aufstellung nimmt. Die kleine Reiterschar ist wohlgeordnet, neue Aufstellungen zum Abmarsch gab es nicht. Allen voran reitet Marius auf seinem braven Schecken, gefolgt von Alaric auf dem nachtschwarzen Arius, neben ihm Estelle auf einer schneeweißen Stute. Hinter den beiden reiten Fenrik und Torben, denen wiederum der beladene Karren folgt und den Abschluss bilden zwei weitere Nordkrieger.

Gemächlich bewegt sich der Zug vom einstigen Lagerplatz weg in Richtung Dolchsturz, um den dortigen Hafen und ihr Schiff, die Nordstern, anzusteuern. Heute bewegen sich die Reiter samt Fuhrwerk auf den üblichen Pfaden und so mancher Reiter, der ihnen auf dem Weg begegnet, betrachtet den eindrucksvollen Trupp mit unverhohlenem Interesse. Nicht viel anders ergeht es Alaric, dessen Blick des Öfteren sowohl interessiert, als auch anerkennend auf Estelle fällt, die neben ihm reitet und in Anmut und Schönheit der Sonne in nichts nachsteht. Der mit Pelz gesäumte, dicht gewebte wollweiße Umhang, den er Estelle noch für die Reise besorgt hat, dazu die recht schlicht gearbeitete blattgrüne Tunika, die einzig von zwei filigranen Silberketten am Ausschnitt verziert ist, erfährt durch Estelle selbst eine kaum abzusprechende Aufwertung. Ihr blondes langes Haar hat sie kunstvoll aufgesteckt und einzig ein paar kürzere Locken umrahmen ihr zartes Gesicht, in dem ihre smaragdgrünen Augen lebhaft auf die vorüberziehende Gegend blicken. Ein Auflachen entkommt Alaric’s Lippen und zieht Estelle’s Blick auf ihn, die ihn daraufhin fragend ansieht.
„Was erheitert dich so, hm?“
Alaric tätschelt kurz den Hals von Arius, schüttelt dabei und noch immer schmunzelnd den Kopf, ehe er sich Estelle zuwendet.
„Du erheiterst mich, Liebste.“
Sein Blick ruht auf ihr, doch als unschuldig kann man diesen wahrlich nicht bezeichnen. Von ihrem Gesicht wandert sein Blick langsam einmal mehr an Estelle herab, folgt der Kontur ihres schlanken Halses weiter zu ihrem Dekolleté, auf dem er länger verweilt. Estelle kennt diesen Blick nur zu gut. Ein Lächeln zeichnet sich auf ihren Lippen ab, ehe sie ihren Kopf leicht schrägt und Alaric einen koketten Blick zuwirft.
„Verrätst du mir auch, wodurch ich dich derart erheitere, Geliebter?“
Das letzte Wort lässt Alaric scharf die Luft einziehen, ehe sein Blick dunkler wird und zurück zu Estelle’s Augen geht. Zu gut hat sie das Kosewort an und für ihn platziert um ihn daran zu erinnern, dass sie ihn stets so nennt, wenn sie vertraut beieinander sind. Ein Funkeln tritt in Alaric’s Augen, ehe er nur zu bereitwillig seine Gedanken mit seiner Liebsten teilt.
„Ich dachte gerade daran, wie unschuldig doch die kleine Wyrdin war, die mich geheilt und gepflegt hat. Und heute reitest du neben mir, als wärst du nie etwas anderes als meine Gattin gewesen.“
Estelle’s Lachen spricht für sich, auch wenn das von Alaric ausgesprochene Lob sie zugleich tief im Herzen anrührt.
„Es erscheint mir eine Ewigkeit her zu sein; alles davon.“, antwortet sie nach einem Moment, während ihr Blick noch immer auf Alaric ruht. Zärtlich gleitet ihr Blick nunmehr über sein Antlitz, führt ihre Erinnerung ebenfalls zurück zu ihrer ersten Begegnung. Wieder ist hier ein Augenblick, in dem sie erleichtert und froh ist, dass er seine Verletzungen so gut überstanden und die Heilkünste der Wyrd ihn dem Tod noch einmal entreißen konnten.
„Unsere Begegnung mag eine gefühlte Ewigkeit her sein, doch unsere Zukunft… die hat gerade erst begonnen, Liebes.“
Kurz lässt Estelle eine Hand von den Zügeln weggehen, um nach Alaric seiner zu greifen und diese kurz zu drücken, als stilles Zeichen ihrer Zustimmung.

Ein Stück hinter ihnen nutzt Torben die Gelegenheit und betrachtet den seit ein paar Tagen äußerst schweigsamen Fenrik.
„Wenn du dich weiterhin so still verhältst, dann wird man sich in den Liedern über dich als den „schweigsamen Nordkrieger“ auslassen.“
Nur kurz blickt Fenrik zu Torben und zuckt mit den Schultern.
„Sollen sie doch. Mir ist das einerlei!“, knurrt er missmutig.
„Komm schon, mein Freund. Es bringt dir nichts, wenn du deinen Körper nach Himmelsrand schaffst und dein Herz hier vergisst, aye?“
Fenrik richtet sich im Sattel auf, lässt seinen Blick über die Landschaft wandern, die sie nun stetig hinter sich lassen.
„Ich wünschte, wir wären bereits auf See und ich hätte diesem verfluchten Landstrich bereits den Rücken gekehrt.“
Sein Blick wandert voraus, bleibt auf dem Rücken Estelle’s haften und ebenso auf dem von Alaric.
„Wenigstens haben die zwei sich gefunden und auch füreinander entschieden.“
Torben folgt Fenrik’s Blick, geht jedoch daraufhin noch ein Stück weiter voran, hin zu Marius, der kerzengerade auf seinem Schecken sitzt und das kleine Banner der Morgensterns mit Stolz trägt, was ihm ein Lächeln entlockt bevor er sich wieder Fenrik zuwendet.
„Letztlich wissen allein die Götter, wofür etwas gut ist und weshalb sich manche Wege kreuzen müssen. Glaube mir, mein Freund, auch du wirst nicht vergessen werden und findest noch deinen Ruhepol.“
Die Blick der beiden Krieger treffen aufeinander und Fenrik atmet noch einmal tief auf und durch, ehe er ein zackiges Nicken von sich gibt.
„Vorerst Himmelsrand, danach sehen wir weiter.“, stimmt er schließlich zu und ein Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Donnerstag, 2. Mai 2019, 09:47

XXIX - Aufbruch in den Norden Teil 2


Wenige Stunden und viele Gespräche später passiert die Reisegruppe die Stadttore von Dolchsturz und bewegt sich nun, innerhalb der Stadt, nur noch im Schritttempo in Richtung Hafen voran. Schon jetzt kann man den leichten Salzgehalt in der Luft wahrnehmen, der vom Meer heraufgetragen wird und der die Pferde veranlasst, ihre Nüstern zu blähen.
Estelle lässt ihren Blick einmal mehr durch die Stadt wandern, greift ihre Vergangenheit nach ihr und wird auch der Besuch ihres Vaters noch einmal lebendig. Die Straßen, die kleinen Gassen, die Werkstätten. So greifbar gerade auch alles ist, so schnell entfernt es sich wieder aus ihrem Blick, je näher sie dem Hafen kommen. Sie hat noch einmal die Gelegenheit sich selbst zu fragen, ob sie all das hier vermissen wird und je länger sie darüber nachdenkt desto klarer wird ihr, dass die einzigen Erinnerungen, derer sie gedenken wird, die an die Wyrdgemeinschaft sein werden. Zu wenig hat sie mit den Stadtbewohnern gemein, zu unterschiedlich sind die Denkweisen und Auffassungen.
Verfolgt von so einigen Blicken erreicht man den Hafen samt geschäftigem Vorplatz. Nun ist es an der Mannschaft der Nordstern, dem eindrucksvollen Schiff das alle nach Himmelsrand bringen soll, den Wagen abzuladen, die Pferde abzuschirren und alles an Bord zu bringen und für das Ablegen bereit zu machen. Alaric gibt noch letzte Anweisungen, dann ist es vollbracht und mit einer galanten Armreichung führt er Estelle über den Landungssteg auf das Schiff, das nun in Kürze aus dem Hafen geschleppt wird. Mannschaftsmitglieder sind bereits in den Masten unterwegs, um die Segel vorzubereiten. Der Ausguck ist ebenfalls belegt und Galthor steht, nach einer bärenhaften Umarmung Estelle’s, bereits am Ruder, als die letzten Taue gelöst und auf dem Schiff geordnet werden. Schlepper befinden sich bereits vor und neben dem Schiff, bereit, die Nordstern vom Hafenanleger wegzuziehen. Ein leichter Ruck geht durch das Schiff, bringt die Planken leicht zum Erbeben, als die Nordstern leicht an Fahrt gewinnt. Estelle hat sich zum Heck des Schiffes begeben. Ruhig liegt ihr Blick auf den Häusern und Dächern von Dolchsturz, der allmählich kleiner werdenden Stadt.
„Leb wohl, Hochfels!“, flüstert sie leise, bevor sie sich abwendet und sich ihrer Zukunft stellt.



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Donnerstag, 9. Mai 2019, 18:30

XXX – Auf der Nordstern Teil 1

Knapp eine halbe Woche ist vergangen. Tage auf dem Schiff, die ruhig und doch geschäftig verlaufen sind. Die See verhält sich wie eine fürsorgliche Mutter, trägt die Nordstern sanft auf ihren Armen in Richtung Himmelsrand voran. Die Stimmung an Bord kann man nur als freudig beschreiben. Die Mannschaft des Schiffs freut sich darauf, den heimatlichen Gefilden Tag für Tag näher zu kommen.
Estelle und die ältere Nord, Juna, verbindet inzwischen eine innige Freundschaft. Während Juna in Estelle so etwas wie eine Tochter sieht, bewundert Estelle deren sinnvolle und auch aufopfernde Geschäftigkeit durch den Tag und lernt im Beisein der Nord bereits so einiges über die Sitten und Gebräuche von und in Himmelsrand.
Alaric und Galthor hingegen, verbringen oft und viel Zeit in der Kapitänskajüte und studieren die Seekarte, besprechen das weitere Vorgehen an Land und, was Estelle nicht weiß, auch die kommende, ganz offizielle Hochzeit von Estelle und Alaric.
„Ich hoffe nur, dass mein Vater mir nicht den Kopf abreißt!“, brummelt Alaric in Richtung Galthor und genehmigt sich einen tüchtigen Schluck Met nach seinen Worten.
„Nah!“, kommt es vehement von dem zurück, verbunden mit einem kräftigen Kopfschütteln. „Die dir angetragene Vereinigung mit dem Nordmädchen vom anderen Clan war ein Vorschlag von ihm, keine Verpflichtung.“
„Wenn du das sagst…“

Alaric scheint dennoch mit diesem Gedanken beschäftigt und wandert mit langen, jedoch auch nachdenklichen Schritten durch den Raum. Er kennt seinen Vater um einiges besser und auch die Erinnerung an die Worte seines Vaters ist noch sehr lebendig.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
„…denk daran welche Stärkung es für unseren Clan wäre, wenn du das Mädchen zur Frau nehmen würdest. Ganz so hässlich soll sie auch nicht sein, als dass du ein Fass Met zu dir nehmen müsstest, bevor du mit ihr das Lager teilst und die Reihen der Morgensterns füllst.“ Ein röhrendes Lachen war dem Scherz seines Vaters gefolgt, ein Schulterklopfen an seinen Sohn gebend. Zu diesem Zeitpunkt jedoch hatte Alaric so gar nicht daran gedacht, sich überhaupt eine Frau zu nehmen. Zu gut roch die Brise der Freiheit, so verlockend waren auch die Kämpfe, die bis zu letzten Vorfall stets glimpflich ausgegangen waren.
Seinem Vater lag stets der Clan am Herzen und auch die zunehmenden Unruhen waren es, die ihn strategisch und vorausschauend denken ließen. Alaric hingegen war nur dann stets ganz Ohr, wenn sein Vater ihm eine neue Reise, eine neue Erkundung oder die Sicherung der Gewässer in die Hände legte. Dann war es Alaric, der kaum den Tag der Abreise erwarten konnte und seine damit verbundene Freiheit nur zu gern auslebte. Heiraten? Sich an Heim und Hof binden lassen? Nichts lag ihm zu diesem Zeitpunkt ferner. Auch wenn sein Vater stets bekundete, dass nur die Richtige kommen müsse oder eine Notlage, um seine Einstellung dazu zu ändern.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Ein kurzes Knurren seitens Alaric folgt dieser lebhaften Erinnerung, bevor er den Krug schließlich abstellt und sich wieder an den Schreibtisch begibt und sich über die Karte beugt, seine Gedanken zu diesem Thema vorläufig auf die Seite schiebt.
„Aus der Meerenge heraus haben wir die Sicherung damals abgebrochen, richtig?“
Alaric’s Finger zieht die damalige Route auf der Karte nach, die sie mit der Nordstern genommen hatten. Galthor beugt sich nun ebenfalls wieder über die Seekarte, folgt mit den Augen dem Finger von Alaric und nickt schließlich. Die nächste Zeit widmen sich die beiden wieder dem vorherigen Gespräch und dem zu fassenden Plan für die weitere Vorgehensweise, mit der man im Hause Morgenstern vorstellig werden wird.

Liebevoll streichen Estelle’s Finger über die zarten Ableger der Pflanzen, die sie aus ihrer ursprünglichen Heimat mitgenommen hat. Schließlich weiß sie nichts über die Flora und Fauna von Himmelsrand und so wollte sie sich mit den notwenigsten Kräutern versorgen. Das Gelernte will sie auch zukünftig anwenden und wenn möglich vertiefen. Nichts ihrer Zeit bei den Wyrd soll umsonst gewesen sein und ihre Heilfähigkeiten sprechen für sich, wie man an Alaric sehen konnte und kann. Jura steht gleich neben ihr, hat sie zu den kleinen Setzlingen bereits befragt und sich angeregt mit Estelle ausgetauscht, was die Behandlung und Versorgung kleinerer und auch größerer Verletzungen angeht, zu der sie selbst auch so einiges beitragen konnte. Doch nicht nur über die heilenden Wirkungen tauschen sich die beiden Frauen aus. So kommt die Sprache ebenso auf Gifte und deren sinnvolle Anwendung.
„Eure Exemplare sehen gesund aus“, wirft Juna schließlich ein. „Ihr scheint ein Händchen für die Pflege zu haben, Kindchen.“
Gutmütig trifft Estelle ein aufrichtiges Lächeln seitens Juna, während die Nord gespannt die Abläufe verfolgt. Inzwischen weiß sie, dass die Zukünftige von Alaric andernorts als Hexe bezeichnet wird. Doch das ist ihr einerlei, nachdem sie einen intensiven und tieferen Blick auf Estelle’s Wesen erhaschen konnte und auch gesehen hat, dass die kleine Wyrd und der stolze Spross des Hauses Morgenstern wirklich aufrichtige Gefühle füreinander hegen.
„Ach, es ist gar nicht so schwer, Juna.“, versucht Estelle einmal mehr ein Lob seitens Juna abzuschwächen, während sie leicht errötet. Es ist ihr neu, derart viel Zuspruch und Lob zu erfahren. Innerhalb der Wyrdgemeinschaft waren diese eher rar gesät, der sorgfältige und korrekte Umgang und Einsatz von und mit Zutaten eine Voraussetzung.
Als auch der letzte Schößling versorgt ist, wisch sich Estelle ihre Hände an der Schürze ab, die sie zur Pflege der Setzlinge immer trägt und schaut auf, direkt zu Juna.
„Das war’s für heute und wenn nichts dazwischen kommt, dann werden alle Pflanzen wohlbehalten in Himmelsrand ankommen.“
„Aye! Die Jahreszeit kann schon auch mit rauer See aufwarten, doch bisher sieht‘s so aus, als würden wir die Fahrt unbeschadet und ohne größere Verzögerung bewältigen.“

Estelle’s Blick liegt auf Juna’s stets leicht geröteten Pausbacken. Sie hat die zumeist gutmütige und gut gelaunte Nord sehr in ihr Herz geschlossen und fühlt sich schon jetzt mit ihr verbunden. So tritt auch ein Lächeln auf Estelle’s Lippen das dafür sorgt, dass Juna sie in eine mütterliche Umarmung zieht und ihr einen sachten Kuss auf die Stirn drückt.
„Ihr seid ein gutes Mädchen, Estelle und werdet eine Sonne im Haus Morgenstern werden. Wer Euch nicht mag, der muss mit dem Hammer gepudert worden sein!“
Die beiden Frauen lachen gemeinsam auf. Estelle kann der offenen Art von Juna eine Menge abgewinnen und lernt auch aus deren Worten die eine oder andere nordische Redewendung und Mundart.
„Aye“, wiederholt sie daher und schaut Juna an. „Was steht jetzt an?“
„Ich kümmere mich um das leibliche Wohl. Ansonsten fallen mir die Männer noch vom Mast und ich habe mehr damit zu tun sie wieder auf die Beine zu bekommen, als wenn ich sie regelmäßig füttere.“

Der Schalk sitzt Juna wieder eindeutig in den Augen, wird unterstrichen durch ein Zwinkern, welches sie Estelle zukommen lässt.
„Dann… werde ich mitkommen. Vier Hände schaffen mehr, als nur zwei.“


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Donnerstag, 9. Mai 2019, 18:47

XXX - Auf der Nordstern Teil 2


Es ist spät am Abend geworden. Estelle kann kaum glauben, wie viel Beschäftigung selbst auf einem Schiff möglich ist und so hat sie sich erschöpft in den Stuhl an Alaric’s Schreibtisch fallen lassen. Die für sie ungewohnte Meeresluft macht sie zudem noch müde und so ist sie schon fast eingenickt, als Alaric im späteren Verlauf des Abends lärmend die Kajüte betritt.
„…groß Re~he~den schwang er, die Klinge gezückt, er prahlte von Kämpfen und Beu~heu~te~heglück.“, poltert er vor sich hin singend herein, wobei sein Singen eher einem lallenden Gröhlen gleicht.
Estelle’s Kopf ruckt verschlafen hoch, ihr Blick fällt zur Kajütentür hin, ehe sie Alaric amüsiert beobachtet. Der zeigt ein Grinsen zu ihr hin und schließt die schwere Holztür von innen, ehe er eine recht ungelenke Verbeugung andeutet und sich ihr mit recht schlendernden Schritten nähert.
„Hab ich… dich verweckt…geschreckt… geweckt?“, hakt er mit mehreren Versuchen der korrekten Wortwahl nach, ihr einen Kuss auf den Scheitel drückend. Sein Atem lässt auf Met, oder besser gesagt, auf eindeutig zu viel getrunkenen Met schließen und doch lächelt Estelle ihn verschlafen an.
„Schon, doch im Stuhl wollte ich auch nicht nächtigen.“
Alaric nickt eifrig und zustimmend zu ihren Worte und greift nach Estelle’s Hand, zieht sie ein wenig unbeholfen aus dem Stuhl hoch und schwingt sich seine zierliche Gefährtin über die Schulter, ohne groß zu fragen.
„…und daher gehn wir jetzt auch ins Bett, meine Geliebte!“
Verdattert und auch amüsiert, jedoch auch mit der stillen Befürchtung, dass Alaric’s Schritte vielleicht nicht sicher genug sein könnten, um sie beide wohlbehalten zum Lager zu tragen, lässt Estelle seinen jungenhaften Übermut dennoch zu und bewundert einmal mehr die Muskelkraft, die selbst im betrunkenen Zustand schließlich für ihrer beider sicheren Ankunft an der Bettstatt sorgt, an der Alaric sie nun doch recht vorsichtig auf die Felle gleiten lässt. Einen langen Moment sieht er sie an.
„Himmel, wie schön du bist. Und das Beste daran ist, du bist die meine.“
Sie noch immer betrachtend, streift er recht flink seine Oberbekleidung ab. Sein Knie auf dem Lager abstützend, kommt er danach über die und drängt sie mit seinem Körper weiter hinauf auf das Lager, dabei an ihrer Kleidung nestelnd. Nun jedoch wird Estelle munter und wehrt seinen Übergriff mit beiden Händen ab, seinen abgestandenen Atem über sich habend.
„Alaric, bitte… Du hast zu viel getrunken und ich…“
Weiter kommt sie nicht, denn sein Mund legt sich über ihren, verdammt sie mit einem fordernden Kuss vorübergehend zum Schweigen. Auch wenn er nicht ganz bei sich ist, ist Estelle nicht willens ihn in diesem Zustand zu ertragen und so drückt sie ihn mit beiden Armen von sich, bis er zu begreifen scheint und seinen von Metatem überschatteten Kuss beendet.
„Was denn?“, knurrt er unwirsch und straft sie mit einem genervt wirkenden Blick. „Darf ich des nachts nich mal die Wärme meiner Liebstn auskostn?“, lallt er mehr, als dass er spricht und erntet dafür einen nicht minder aufgebrachten Blick von Estelle.
„Doch, darfst du. Aber nicht, wenn mir - bei deinen Atem - mein Magen die Widerkehr meines Abendessens angekündigt.“
Behände und seine derzeit verzögerte Reaktion ausnutzend, entfleucht Estelle seitlich unter ihm weg und erhebt sich flink vom Lager. Er greift nach ihr, erwischt jedoch nur ihr langes Unterkleid. Sein Griff nach ihr jedoch ist fordernd und so hält der Baumwollstoff nicht lange stand, ehe er auch schon reißt und nur noch ein Fetzen Stoff Estelle’s Körper bedeckt, während die andere Hälfte ihres Gewands in Alaric’s Hand verbleibt.
„Huch?“, entfährt es Alaric, der ein wenig perplex die Reste des Kleidungsstücks in seiner Hand betrachtet.
Wütend dreht Estelle sich zu ihm herum und will ihn gerade anraunzen, als er zu lachen beginnt, sich auf der Bettstatt auf den Rücken umdreht und nur einen Moment später in tiefen Schlaf gefallen ist. Fassungslos starrt Estelle auf den nun schlafenden, völlig betrunkenen Krieger.
„…das, mein Held, wird noch ein Nachspiel haben!“, murmelt sie leise, bevor sie sich anschickt ihr zerrissenes Gewand zu tauschen und die Kajüte von Juna aufzusuchen, um dort zu nächtigen, da Alaric sich quer über die Bettstatt ausgestreckt hat und zufrieden seinen Rausch ausschnarcht.


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Samstag, 11. Mai 2019, 18:02

XXXI – Stürmische Zeiten Teil 1

Das Wetter scheint das vernebelte Hirn von Alaric widerzuspiegeln und lässt seiner Kehle ein unwirsches Knurren entkommen. Der vergangene Abend war definitiv zu lang und zu sehr dem Met und dem Rum verschrieben gewesen. Mit hämmerndem Kopf war er aufgewacht. Allein. Auf dem Lager in der Kajüte. Seine Faust hatte die Reste von Stoff umklammert gehalten und allein der Geruch daran ließ ihm klar werden, dass es ein Kleidungsstück von Estelle gewesen sein musste.
Sein erster Gang des Tages hatte ihn unter Deck geführt, hin zu einem Fass Süßwassers. Gierig hatte er die Kelle daran wieder und wieder eingetaucht und anschließend zu seinem Mund geführt und getrunken, als hätte er Tage wie ein Fisch auf dem Trockenen verbracht. Der nächste Gang hatte ihn zur Kombüse geführt, wo er seinen hämmernden Kopf mit einem Becher Rum vorübergehend zur Raison gebracht hatte. Estelle war er dabei jedoch zu keinem Zeitpunkt begegnet. Was zum Henker war in der Nacht geschehen? Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern und nur ein schleichendes, dumpfes Gefühl in seiner Magengrube kündete davon, dass es wohl kein Abend mit einer Glanzleistung seinerseits gewesen sein mochte.
Warum nur hatte er seine Sorgen im Beisein seiner engsten Freunde ertränken wollen? Je mehr Seemeilen sie zurücklegten, desto beklemmender wurde das Gefühl in seiner Kehle, die anstehende Gegenüberstellung mit seinem Vater.
Seine Hand umfasst eine Verstrebung des Steuerrads so fest, dass seine Knöchel weiß hervortreten. Erneut verscheucht er seine Gedanken, wirft einen Blick gen Himmel. Grau in Grau stellt der sich heute dar und in der Ferne, am Horizont, ist eine dicke und dunkle Wolkenwand zu sehen, auf die sie zusteuern und die sich selbst ihnen gleichsam annähert.
Unbemerkt ist Galthor herangetreten, blickt in die gleiche Richtung.
„Sieht aus, als hätten wir den ruhigsten Teil der Reise hinter und den abenteuerlichen vor uns, nah?“
„Es verspricht für Abwechslung zu sorgen, aye. Ist dir Estelle über den Weg gelaufen?“

Alaric verleiht seiner Frage einen eher beiläufigen Unterton und Galthor scheint darauf anzusprechen, lässt seinen Blick über das Oberdeck hin zu der Stelle gleiten, die Estelle ansonsten bevorzugt aufsuchen: Am Bug der Nordstern.
„Naye, noch nicht gesehn heute.“ Sein Blick geht zurück zu Alaric, mit seiner Rechten klopft er dem Jüngeren auf dessen Schulter. „Sei dir sicher, das alte Mädchen, die Nordstern, verliert nicht einfach so ihre Passagiere.“
Er selbst scheint dabei der größte Bewunderer seines eben gerissenen Witzes zu sein, denn er lacht kurz und kehlig auf. Alaric hingegen zieht nur die Augenbrauen hoch, behält dabei jedoch die Wolkenwand im Blick.

Estelle scheint sich den gesamten Tag über unsichtbar machen zu können. Nicht ein Mal kreuzt ihr Weg den von Alaric. Einzig Fenrik begegnet ihr an einigen Momenten des Tages, der daraufhin einige freundliche Worte mit ihr wechselt.
Das Wetter hingegen scheint sich deutlich bemerkbarer machen zu wollen, fordert die Aufmerksamkeit der Mannschaft und ihres Kapitäns. Gerade noch in guter Fahrt auf dem eben noch nur leicht aufgewühlten Ozean, stellt sich abrupt eine Flaute ein und verlangsamt deutlich die Fahrt des Schiffes.
„Gleich der Ruhe vor dem Sturm!“, murmelt einer der Seemänner zu einem anderen.
„Aye, das verspricht ein flotter Tanz zu werden!“, antwortet der zurück und kneift dabei leicht die Augen zusammen, hin zur sich auftürmenden Wolkenfront, die sich im Moment dieser Flaute fast majestätisch vor ihnen aufbäumt und darstellt.
„Was steht ihr hier rum wie die Waschweiber? Habt ihr nichts zu tun?“, kommt es bellend von einem anderen Nord und gleichsam landen zwei gezielt ausgeführte Schläge mit der Hand im jeweiligen Nacken der beiden Nordmänner, die sich daraufhin wieder schleunigst ihren Aufgaben widmen.
In weiser Voraussicht und angesichts der vorherrschenden Windstille lässt Alaric bereits das Hauptsegel etwas reffen. Hand in Hand arbeiten die Männer auf der Nordstern nun zusammen und bereiten sich auf das unweigerlich auf sie zukommende vor: einen Wintersturm auf See.

Estelle verbringt den Großteil ihrer Zeit an Juna’s Seite. Diese, im Grunde erfreut darüber, dass die junge Bretonin für Kurzweil sorgt, hält sich lange zurück, bis sie dann doch schließlich herausplatzt.
„Ihr schleicht bereits den ganzen Tag unter Deck herum wie eine Ratte, die sich fernab der Augen der Mannschaft an den Vorräten guttun will. Was in Kyne’s Namen ist geschehen?“
Estelle, die gerade mit einer feinen Bürste die Kartoffeln säubert, die für das anstehende Essen Verwendung finden sollen, blickt auf, trifft direkt auf Juna’s forschenden Blick. Mit in die Hüften gestemmten Händen ruht deren Blick auf der Wyrdin und sie scheint auch keine Ruhe geben zu wollen, bis sie das Herz ihres Schützlings erleichtern konnte.
„Nichts!“, versucht Estelle zu beschwichtigen und widmet sich wieder den Kartoffeln. Doch Juna gibt nicht so schnell auf, greift sich kurzerhand die Bürste und unterbricht damit zwangsläufig die Arbeit von Estelle, die kurz die Augen verdreht.
„Also?“, hakt Juna erneut nach.
„Alaric!“
Als würde dieser Name die gesamte Situation erklären, blickt Estelle einen Moment aus dem Schießscharten ähnlichen Bullauge hinaus auf die derzeit wie ein abgezogenes Fell wirkende See.
„Habt ihr euch gezankt?“
„Nein… Doch… Ach!“
, ein tiefes Seufzen folgt, danach ein kurzes Schweigen, das jedoch nicht lange anhält. „Er kam gestern völlig betrunken in die Kajüte und wollte…“, leicht errötend beginnt Estelle damit ihre Hände im Schoß zu kneten. Ganz entgegen jeglicher Erwartung lacht Juna belustigt auf.
„Und Ihr habt ihm die Tür gewiesen, aye?“
Noch tiefer errötend nickt Estelle. Doch genau die Reaktion der Nord ist es, die ihre bedrückte Stimmung sogleich hebt und der vergangenen Nacht die Schwere nimmt.
„Er ist ein Nord, Kindchen. Und die… wir… wachsen schon mit Met aus der Mutterbrust auf.“, setzt Juna zu einer Erklärung an. Ein breites Lächeln begleitet ihre Worte. „Außerdem ist Alaric einer, der, genau wie jeder andere Mann in Tamriel, gerne zwischendurch den Jungen in sich raus lässt und mit Kameraden in Erinnerung daran schwelgt, wie er und sie als junge Recken mit ihren Holzschwertern aufeinander losgegangen sind - unbekümmert und fern jeglicher Verpflichtung.“
„Ich hab ihn davor noch sie so gesehen, nie so erlebt.“
, erinnert sich Estelle nach diesen Worten der versuchten Erklärung zurück.
„Sind wir ehrlich. Er wurde in der Zeit bei deiner Gemeinschaft auch kurz und an der Leine gehalten, aye?“, gibt Juna zu bedenken und erntet einen offenen Blick von Estelle, dem ein zustimmendes Nicken folgt.
„Wir Nord sind kein höfisches Volk. Wir sind kein Schlag von Menschen der sich einengen lässt. Wir… trotzen der Kälte, den Winden und verteidigen unser Land bis zum letzten Blutstropfen, bis wir in Sovngarde willkommen geheißen werden. Doch wir frönen ebenso der Freundschaft, dem Beisammensein und feiern die Siege so, wie wir sie uns erkämpfen.“
Juna nähert sich Estelle, bleibt kurz vor ihr stehen. Wohlwollend liegt ihr Blick auf der jungen Frau, die noch so viel vom Leben lernen muss, so viel verstehen, wie es in der sie nun umgebenden Welt zugeht.


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Samstag, 11. Mai 2019, 18:08

XXXI - Stürmische Zeiten Teil 2


„Ja aber was soll ich denn machen, wie reagieren in einer solchen Situation? Stillhalten, hinnehmen?“
Juna lacht einmal mehr auf und senkt ihr Kinn so weit herab, das es fast ihre Brust berührt.
„Das Land ist rau, fordert viel von uns, damit wir überleben. Aber das ist nicht zu viel. Wir kämpfen, wir handeln, nehmen uns was wir brauchen und verweigern, was wir nicht wollen. Hm? Wer nicht weiß was er will, der weiß auch nicht was er nicht will. Bedenke, Kindchen, die süßesten und nachhaltigsten Früchte sind immer die, die man selbst sät und erntet. Alle anderen“, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu, „haben einen faden Beigeschmack und sättigen nicht.“
Und einmal mehr ist es Estelle, die eine lebensnahe Lehre aus den Worten der erfahrenen Nord zieht und ihr Kinn reckt.
„Ihr habt Recht, Juna. Und ich bin nicht mehr die kleine Wyrdin, die sich in der Abgeschiedenheit einer sicheren Gemeinschaft dem Leben entzieht. Ich will leben, will ein Teil meiner neuen Heimat werden und dazu gehört, dass ich endlich eine Stimme erhalte - meine. Ich will meine eigenen Früchte ernten und entscheiden, welche ich esse und welche nicht!“
Leidenschaftlich sprudeln die Worte hervor, sind Teil einer neu erwachten Einstellung zum Leben seitens Estelle. Der Ausdruck in ihrem Gesicht wandelt sich ebenso. Weicht einer Fürsprache an das Leben, aktiv daran teilhaben zu wollen und zu werden.
Juna’s Lächeln wird sichtbar breiter. Dieses Mal nimmt sie ihren Schützling nicht in den Arm, sondern zwinkert ihr zu und reicht ihr die kleine Bürste zurück.
„So ist’s recht, Mädchen. Zeig ihnen die Zähne auf die schönste Art: mit einem Lächeln, das nicht von Demut, sondern von Mut spricht.“, schließt sie das vorab so ernste Gespräch ab und macht sich, vor sich hin summend erneut daran, das für den geplanten Eintopf benötigte Gemüse zu zerkleinern.

Von einem Moment auf den anderen wandelt sich die vorherrschende Wettersituation. Eben noch mit der Nordstern auf dem Meer vor sich hin dümpelnd, in einer fast lautlosen Welt, setzt der Wind nun mit voller Kraft ein und versetzt die eben noch lauernde Mannschaft in Bewegung. Binnen Minuten gleich das Meer einem auf dem Feuer brodelnden Eintopf und schon jetzt macht sich bezahlt, dass Alaric die Mannschaft angewiesen hatte die Fracht auf der Nordstern zu sichern und festzuzurren. Schon jetzt richten sich Mannshohe Wellen drohend gegen das Schiff. Davor noch Freund, scheint das Meer sich der Nordstern nun als Feind zu präsentieren und droht an, sie samt Mannschaft in seine Bestandteile zerreißen und in die Stille des Meeresgrunds ziehen zu wollen.
Alaric hat am Steuerrad alle Hände voll zu tun und gönnt sich keine Pause. Sich bereits wieder in eher heimatlichen Gewässern befindend, konnte er anhand des Wolkenzugs erahnen, aus welcher Richtung sie der Sturm heimsuchen würde und hat das Schiff vor der endgültigen Flaute bereits in eine neue Fahrtrichtung gebracht. Nun nutzt er das Wechselspiel von Wellenbergen und –tälern aus, um die Nordstern mit dem Wind zu bringen, beiderlei zu ihren Gunsten auszunutzen, während die Wellen sich immer höher und heftiger gegen das Schiff werfen. Dass er dabei vom eigentlichen Kurs abkommt, interessiert ihn gerade nicht. Er sieht sich als einen Teil der Nordstern und handelt auch bei und mit jedem Aufstöhnen des Schiffs, jedem Erzittern der Schiffsplanken, verschafft ihm Erleichterung und erntet dafür eine geschmeidig die Wellen durchpflügende alte Dame des Meeres. Stunden vergehen, in denen Alaric alles an Kraft aufbietet, die seinen Armen innewohnt, in denen er unter Beweis stellt, dass er einer mit der seeerfahrensten Familien von Himmlsrand angehört, die seit Generationen die Meere bereisen und sie ihre Geliebte nennen können, mit all ihren Launen. Erst dann werden die Wellen zahmer und scheinen sich einmal mehr dem Schiff und seiner Besatzung zu ergeben. Auch Galthor atmet erleichtert auf, während sein Blick einschätzend über die Masten und Segel der Nordstern gleitet, um eventuelle Schäden zu erfassen, die dem Schiff bei dem Sturm zugefügt wurden. Der erfahrene Nord war und ist es, der die Mannschaft neben Alaric geführt hat, der die lebenswichtigen Befehle seines Kapitäns an die Mannschaft weitergegeben und sie hat durchführen lassen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass ein Jubeln über das Deck erklingt, als die Gefahr bewältigt und der Sturm überstanden ist. Selbst das Schiff scheint erleichtert. Die nassen Deckplanken erstrahlen kurz in der untergehenden Sonne, die sich nun hinter der bewältigten Wolkenwand zeigt.
„Junge, Junge, das war ja mal eine willkommene Abwechslung nach den Tagen an Land!“, breit grinsend tritt Galthor zu Alaric, klopft ihm anerkennend auf die Schulter.
„Aye, ein verdammt guter Wellenritt!“, bestätigt der und steuert das Schiff nun deutlich gemütlicher durch die sich allmählich beruhigende See. „Gib den Männern einen Becher Met aus. Sie haben ihn sich verdient, mein Freund.“, fordert Alaric Galthor auf, einen wohlwollenden Blick über seine Besatzung werfen.
„Wird gemacht. Und für dich auch einen Humpen?“, fragt der noch gegen, bevor er die freudige Nachricht samt Met weitergeben wird.
Alaric winkt nur ab.
„Heute nicht.“

Müde betritt Alaric später am Abend seine Kajüte. Zielstrebig steuert er seinen Kasten an, in dem seine Habseligkeiten verstaut sind, so auch das Kampferöl, das seine Muskeln zum Entspannen bringt. Zügig entfernt er seine Oberbekleidung. Kurz geht sein Blick, gleiten seine Finger über die gut verheilende Narbe an seinem Arm, bevor nur einen Moment später der schwere Geruch des Öls den Raum erfüllt und sein Körper im Schein der Deckenlaterne schimmert.
Gerade verstaut er die Phiole wieder in der Kiste, als ein leises Klopfen an der Kajütentür zu hören ist.
„Herein!“, fordert er, noch immer über seine Kiste gebeugt, um ein frisches Hemd und eine Weste daraus zu entnehmen. Er blickt erst zu seinem Besucher auf, als die Tür wieder geschlossen wird und leise Schritte sich ihm annähern.
„Estelle!“
Seine Verwunderung gibt sich mit ihrer Namennennung zu erkennen. Langsam richtet er sich zur vollen Größe auf, legt die von ihm gewählte Kleidung für den Moment auf dem Bett ab und verbleibt reglos, während Estelle sich ihm weiter nähert, einen Trinkkrug mit sich tragend. Den stellt sie auf seinem schweren Schreibtisch ab, geht danach wieder auf ihn zu. Sein Blick ruht auf ihr. Trotz des einfaches Kleides das sie trägt, eine erdbraune Schürze darüber gebunden und eine Ecke ihres Rockes daran hochgebunden, um die kurzen Stufen des Schiffes gefahrlos bewältigen zu können, spürt er wie sein Herzschlag sich beschleunigt.
Ihr Blick liegt auf ihm, ihre Augen betrachten seinen ölig glänzenden Körper.
„Brauchst du Hilfe?“, bietet sie ihm leise an. „Für deinen Rücken?“
Einen Moment scheint Alaric erstarrt zu sein, ehe er sich seitlich abwendet und zum Lager vorbeugt, um nach seinem Hemd greift.
„Das musst du nicht machen, Estelle.“
„Ich möchte es aber!“, erwidert sie leise und streckt ihre Hand offen zu ihm hin. „Gib mir das Öl.“
Ein neuerlicher Blick über seine Schulter geht zu ihr, zu ihrer Hand. Alaric legt, leise seufzend, das Hemd wieder auf dem Bett ab und greift erneut in die Kiste, zieht die kleine Phiole an der Seite heraus und reicht sie Estelle. Sie entfernt den Korken und lässt etwas Kampferöl in ihre Hand fließen.
„Dreh dich um.“
Folgsam und auch wortlos dreht Alaric ihr daraufhin seinen Rücken zu, spürt nur einen Augenblick später die warme Hand über seinen Rücken gleiten, die das sich wohlig und entspannend anfühlende Öl dort verteilt. Ein schweigender Moment vergeht, in dem man nur das gegen die Schiffswände schlagende Meer vernehmen kann. Entkrampfend bewegt Alaric seine Schultern nur wenig, lässt Estelle entscheiden wann sie gedenkt fertig zu sein. Er durchbricht die Stille als Erster.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Samstag, 11. Mai 2019, 18:14

XXXI - Stürmische Zeiten Teil 3


„Was ist letzte Nacht geschehen?“
„Nichts, was nicht zu einem Nord oder zu einem Mann gehören würde.“

Alaric hebt seinen Kopf leicht an, doch sein Blick ist an die Kajütenwand gerichtet. Estelle kann nicht sehen, dass sich seine Brauen kurz zusammenziehen, fragend.
„Du hast mit deinen Kameraden ein wenig zu tief in die Krüge gesehen und bist dann irgendwann eingeschlafen, auf dem Lager.“
„Aber das zerrissene Kleidungsstück?“
, erst nach einer Weile hakt Alaric nach.
„Das werde ich wohl nähen oder ersetzen müssen. Je nachdem, was davon möglich ist.“
Ihre Hand verteilt den letzten Rest Öl von ihrer Handfläche an seiner Wirbelsäule herab, bevor sie Alaric einen vorwitzigen, leichten Schlag gegen seine Kehrseite setzt.
„Fertig. Und nächstes Mal sagst du mir sofort, wenn ich dir helfen kann, aye?“
Alaric schnellt herum, greift noch schneller nach der Hand von Estelle und hält sie fest, führt sie ein Stück weit höher, in Richtung seiner Brust. Forschend sieht er sie an, wortlos. Die Phiole mit dem Öl in ihrer anderen Hand, reicht Estelle sie ihm.
„Räum sie weg.“, lautet ihre Anweisung dazu.
Wortlos schüttelt Alaric den Kopf, nimmt ihr zwar die zugekorkte Phiole ab, doch landet die mit einem kurzen Wurf in der noch geöffneten Kiste, auf seiner dort lagernden Kleidung. Langsam zieht er Estelle näher an seinen Körper heran, blickt sie erneut forschend an. Ein Lächeln legt sich über deren Lippen, ehe sie mit ihnen die seinen sucht und ihm einen zärtlichen Kuss schenkt. Erleichtert aufseufzend nimmt er, was sie ihm so bereitwillig schenkt, bleibt in seinen Berührungen zu ihr dabei vorerst rücksichtsvoll und zurückhaltend. Das scheint hingegen nicht das zu sein, was sie von ihm erwartet oder will. Ihren Körper gegen seinen bringend drängt sie ihn mit seinen Kniekehlen gegen das Lager, bis er sich darauf niedersetzt. Sehnsucht liegt in ihren gegenseitigen Blicken, ebenso ihre Liebe zu- und das Verlangen nach einander, als sie die Schürze in ihrem Rücken öffnet und zu Boden gleiten lässt, der kurz darauf auch das schlichte Kleid folgt. Deutlich tiefer einatmend verfolgt Alaric jede Bewegung von ihr, lässt seinen Blick über ihre bloße Gestalt wandern, als sie es heute ist, die ihn im Anschluss an ihr Entkleiden tiefer auf das Lager drängt und sich an seiner Unterbekleidung zu schaffen macht.
„Wir müssen etwas bereden. Danach.“, flüstert sie zu ihm und eröffnet ihr ganz eigenes Spiel für diese Nacht mit und an ihm.


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Dienstag, 14. Mai 2019, 07:18

XXXII - Kampfeslust Teil 1

„…du willst bitte was?“
Eben noch liegt Alaric entspannt und mit wieder ruhiger werdendem Atem auf seinem Rücken. Die Arme hat er unter seinem Kopf abgelegt und ihn damit höher gebettet, um bequem zu Estelle sehen zu können, die über ihm sitzt. Obwohl er in seiner derzeitigen Position keine wirkliche Bewegungsfreiheit hat, ruckt sein Kopf im nächsten Moment voran und seine Augen weiten sich kurzzeitig, bevor er sich kopfschüttelnd zurückfallen lässt.
„Ich sagte, ich möchte das Kämpfen erlernen.“, wiederholt Estelle nun geduldig und stützt ihre Hände auf Alaric’s bloßer Brust ab, seinen Blick suchend.
Alaric jedoch hat die Augen geschlossen. Estelle pustet über sein Gesicht und entlockt ihm damit ein Lächeln und erreicht ihr Ziel, dass er erneut zu ihr sieht. Sein Oberkörper gerät in Bewegung und kurz darauf entlocken ihm die Worte seiner Liebsten ein glucksendes Lachen. Knurrend landet Estelle’s Hand klatschend auf seiner Brust was zur Folge hat, dass Alaric mit nur einer Hand ihr Handgelenk umfasst und den nächsten geplanten Schlag von ihr abfangen kann.
„Nein!“, kommt es aus tiefster Überzeugung danach von ihm. „Auf keinen Fall wird mein Weib sich an Waffen vergreifen, geschweige denn sie schwingen!“
Aufmüpfig bewegt sich Estelle ein wenig, erntet dafür einen warnenden Blick von Alaric. Gleichzeitig gibt er jedoch auch ihr Handgelenk wieder frei.
„Wie kommst du jetzt überhaupt darauf?“, fragt er neugierig nach, da sich ihm die Wandlung seines Weibes nicht erschließt, weshalb sie auf einmal den Umgang mit Waffen erlernen möchte.
Estelle sitzt wieder still und sammelt ihre Gedanken.
„Ein Gespräch mit Juna hat mich darauf gebracht.“, erklärt sie wahrheitsgemäß und bevor Alaric Widerworte ergreifen kann, fährt sie fort. „Euer Volk, also die Nord... Viele Frauen kämpfen dort. Einige weil sie müssen, andere weil sie es für sich erwählt haben. Schau Alaric, es kann doch niemals schaden, wenn ich mich zur Not zu verteidigen weiß, hm?“, appelliert sie mit wohlgewählten Worten an den kriegerischen Teil seines Verstandes, um ihm so eine Zustimmung zu entlocken, vielleicht sogar von ihm selbst trainiert zu werden. Der jedoch denkt gar nicht daran, auch nur im Ansatz über diese Möglichkeit nachzusinnen. Dennoch bringt er seine nächsten Worte beschwichtigend an.
„Du wirst nie so weit von mir oder meinen Männern entfernt sein, um auch nur die Hand zur Verteidigung heben zu müssen.“, verspricht er ihr so treuherzig, dass Estelle für diesen Moment nur liebevoll und mit einem leisen Seufzer zu ihm blickt und seine kratzige Wange streichelt.
„Das glaube ich dir, Liebster, jedoch bedenke…“
Weiter kommt sie nicht, denn Alaric’s Blick verhärtet sich einen Moment, bevor er wieder weicher wird und er sie zu sich herab zieht. Einen raschen, wie auch harten Kuss auf ihre Lippen setzend, erhält sie dann auch seine wohl endgültige Antwort darauf, nachdem er sie wieder freigibt.
„Ich sagte nein, Estelle. Und damit ist für mich das Thema beendet.“
Gelassen schließt er seine Augen erneut, während er die Wärme, die Aufmerksamkeit und auch die Nähe zu Estelle genießt. Dieser Tag hätte besser nicht beginnen, die Nacht kaum interessanter sein können, weshalb er entspannt atmet. Für ihn ist die Angelegenheit damit abgeschlossen und Estelle scheint sich seinem Willen zu beugen.
„Nein.“, kommt es daher unerwartet und plötzlich von ihrer Seite, wenn auch sehr leise.
Eines seiner Augen öffnend, fällt sein Blick wieder auf sie. Ein amüsiertes Lächeln umspielt seine Lippen, als er nachfragt.
„Wie bitte?“
Estelle räuspert sich verhalten, bewegt sich kaum sichtbar.
„Ich sagte… nein! Das Thema ist noch nicht beendet.“, wiederholt sie mit nun deutlich vernehmbarer und fester Stimme.
„Hrm.“, ist scheinbar die einzige Reaktion darauf.
Nur den Bruchteil einer Sekunde später findet sich Estelle auf ihrem Rücken wieder mit Alaric über sich. Sein Gewicht drückt sie tiefer in die Felle und seine Hände legt er seitlich an ihren Kopf sie dadurch zwingend, seinem bohrenden Blick zu begegnen.
„Wie war das bitte? Willst du dich ernsthaft gegen meinen Willen stellen, Liebes?“
Estelle zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne. Nutzt diese Geste, um noch einmal über ihr Anliegen, ihr Vorhaben nachzudenken.
„Alles gemeinsam, richtig?“, greift sie ihn kurz darauf bei seiner Ehre, erinnert in gleichsam an das ihr einst von ihm gegebene Versprechen, woraufhin ein Knurren von ihm erfolgt. Er schließt noch einmal seine Augen, lehnt seine Stirn gegen die ihre und seufzt leise auf.
„Ja, alles gemeinsam.“, bestätigt er dann jedoch, getreu seiner Ehre und die Bindung an seine eigenen Worte, ehe sein Blick wieder den ihren sucht, als wolle er in ihm lesen. „Wann zum Henker bist du sturer geworden als ein Ork, dem man sein Herdweib entführt hat?“
Leise, wie auch amüsiert, lacht Estelle auf.
Die Diskussion, das Abwägen von Für und Wider zu Estelle’s Wunsch dauert noch die ganze Nacht hindurch an, bis beide in den frühen Morgenstunden erschöpft und eng aneinander gekuschelt doch einige wenige Stunden Schlaf finden. Eine Übereinkunft, die beide Seiten zufriedenstellt, haben sie jedoch nicht erzielen können.

„Fenrik bitte!“, den jungen Krieger bittend am Ärmel festhaltend, stolpert Estelle ihm die wenigen Schritte nach, die er zwischen sie beide bringen will. Ihre Aktion zeigt Wirkung, Fenrik bleibt stehen und dreht sich erneut zu Estelle herum, die ihn im Verlauf des Tages zur Seite genommen und in ihren Wunsch eingeweiht hat, im Kampf unterwiesen zu werden.
„Ihr Wyrdinnen seid nicht nur stur, ihr seid auch verrückt!“, brummt er Estelle an und wirft einen abfälligen Blick auf die Hand, die ihn am Gehen hindert. „Glaubt Ihr ernsthaft, dass ich mich gegen Alaric und seine getroffene Entscheidung stellen werde, nur damit Ihr vielleicht lernt ein Messer zu werfen und damit auch etwas zu treffen?“
Estelle’s Mund formt sich zu einem unhörbaren „Oh“, ihr Blick wandert kurz zur Decke des Unterdecks hin.
„Messer werfen, auch eine gute Idee.“, greift sie den unbeabsichtigten Vorschlag von Fenrik auf, der daraufhin nur entnervt die Augen verdreht.
„Ihr werdet gar keine Waffe anrühren, geschweige denn führen, sofern Alaric nicht seine Zustimmung dazu erteilt!“, bremst er den Enthusiasmus von Estelle sofort aus. „Ihr und eure komischen Ideen!“, mault er sogar noch nach, bevor er sich endgültig umwendet und seinen Weg zum Oberdeck fortsetzt.
Estelle bleibt mit einem tiefen Seufzer der Resignation zurück. Von Seiten Fenrik’s hat sie also keine Hilfe zu erwarten. Kurz denkt sie nach, ob sie noch einmal das Gespräch mit Juna suchen soll in Erwartung dessen, das der Nord noch etwas einfällt, als das leise Klirren von Klingen zu ihren Ohren dringt. Eindeutig waren das Kampfgeräusche und dem will sie nachgehen, weshalb sie ihre Ohren spitzt und dem Klang der aufeinander treffenden Metalle folgt. Dabei bewegt sie sich weiter unter Deck voran, nähert sich dem Bug des Schiffes. Genauer, den Frachträumen, wo auch die Pferde untergebracht sind. Bereits jetzt säumen dunkle Strohholme den Weg zu ihren Füßen, während sie leise tiefer in den Bauch der Nordstern dringt.
„…du darfst nicht wild drauflos dreschen!“, vernimmt sie dann auch die dunkle Stimme eines Mannes, der seine Worte wohl an seinen Gegner richtet. Falsch, der wohl jemanden unterrichtet. Behutsam folgt Estelle dem Klang dieser Stimme, als erneut das Aufeinanderschlagen von Klingen vernehmbar wird. Ein Stück weiter drückt Estelle ihren Körper gegen die Schiffswand und lugt vorsichtig um die Ecke. Kaum glaubt sie, was sie dort sieht.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
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Dienstag, 14. Mai 2019, 07:26

XXXII - Kampfeslust Teil 2


Marius und Torben stehen sich gegenüber, beide ein schlankes Schwert in der Hand führen. Doch ist es der junge Marius, der Angriff um Angriff gegen Torben führt, der diese jedoch nur pariert, um den Jungen mit der Waffe nicht zu verletzen.
„Ja, genau so!“, lobt Torben kurz darauf seinen jungen Schüler, als der das bereits gelernte anwendet und eine korrekte Abfolge von Angriffshieben gegen Torben bringt. Selten hat Estelle den älteren Krieger dermaßen strahlend und aufgeblüht erlebt. Die Fürsorge um Marius scheint dem Krieger nicht nur zu gefallen, sie scheint seine Lebenslust neu entfacht zu haben. Lachend versetzt er dem Jungen mit der Breitseite seiner Klinge einen leichten Schlag gegen den Hosenboden, woraufhin der mit einem leisen Aufschrei in einem Haufen Stroh landet.
„Wofür war der denn?“, fragt die junge Stimme aus dem Stroh heraus, sich dennoch wieder aufrappelnd. „Eben habt Ihr mich noch gelobt.“
„Der war dafür, dass du dir deiner niemals zu sicher sein darfst oder solltest.“
, erklärt sich Torben recht gelassen, bevor er Marius seine Hand entgegen hält und ihn wieder in die Senkrechte verhilft. „Wer aufhört besser werden zu wollen, hat aufgehört zu lernen, mein Junge.“
Über die Worte seines Lehrers nachsinnend, nickt Marius schließlich und strahlt einmal mehr zu Torben hin.
„Ich will ebenso gut werden, wie Ihr seid, Herr Torben!“, kommt es mit Inbrunst in der Stimme und entlockt dem engen Kameraden Alaric’s ein herzliches Lachen.
„Junger Mann, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du einfach nur Toben sagen sollst. Lass das „Herr“ weg, sonst landest du demnächst und zur Strafe im Ausguck der Nordstern.“
Leicht errötend steht Marius da, doch spielt auch um seine Lippen ein glückliches Lächeln das erst verschwindet, als Estelle aus den Schatten heraus tritt und sich, die Arme vor der Brust verschränkend, zu erkennen gibt.
„Landen alle Eure Schüler im Ausguck?“, hakt sie schmunzelnd nach, wobei sie Marius ein keckes Zwinkern zukommen lässt, damit der Junge sich wieder entspannt.
„Mitnichten, M’lady. Doch hängt das Überleben eines zukünftigen Kämpfers davon ab, ob er die Unterweisungen seines Lehrer für bare Münze nimmt, aye?“
Freundlich und auch zuvorkommend beantwortet Toben die recht lässig gestellte Frage von Estelle, deutet dann auch eine höfliche Verbeugung gegen sie an.
„Was führt Euch zu uns?“, bekundet er dann jedoch seine Neugierde und richtet seinen Blick offen auf die Gefährtin seines Anführers.
„Sofern Ihr einen Moment Zeit erübrigen könnt?“
Ein kurzer Blick zu seinem Zögling hin, dann nickt Torben und deutet Estelle an, dass sie ruhig näher kommen, er durchaus Zeit für sie erübrigen kann.

Torben, Marius und Estelle haben gemeinsam auf einigen Heuballen Platz genommen. Unter dem zeitweilig leisen Wiehern der Pferde erzählt Estelle Torben offen und aufrichtig von ihrem Wunsch, als auch von Alaric’s Einstellung und ebenso bleibt Fenrik’s Entgegnung nicht unerwähnt. Gleichsam schildert sie, weshalb sie überhaupt auf diesen Gedanken gekommen ist. Bedächtig und auch aufmerksam folgt Torben ihren Worten und wiegt, nachdem Estelle geendet hat, sein Haupt und gönnt sich einen Moment des Nachdenkens, bevor er auf Estelle’s Worte eingeht.
„Juna hat nicht Unrecht und Ihr ebenso wenig.“, gesteht er nachdenklich ein. Gerade gibt Estelle einen freudigen Jauchzer von sich, als Torben Einhalt gebietend die Hand hebt. „Dennoch kann ich ebenso Alaric, als auch Fenrik verstehen.“, begründet er, weshalb Estelle sich nicht zu früh freuen sollte.
„Wie meint Ihr das?“, hakt Estelle nach, ihren Kopf fragend zur Seite neigend.
„Nun, sich selbst verteidigen zu können ist niemals verkehrt. Ebenso ist es richtig, dass die nordischen Frauen frei in ihrer Entscheidung sind, ob sie sich dem Kampf anschließen oder eher das Heim hüten wollen.“, gibt er offen seine tiefer gehenden Gedanken preis, bevor er abermals fortfährt. „Alaric ist in Sorge um Euch und Fenrik ist Alaric gegenüber treu ergeben.“
Torben bemerkt sehr wohl, dass Estelle den Kopf sinken lässt und ihrer vorherigen Freude Resignation folgt. Der bittende Blick von Marius ist es, der ihn überlegen und nach einer Lösung suchen lässt.
„Ich… werde Euch in die Grundzüge der Selbstverteidigung einweisen und bei Alaric für Euch als Fürsprecher einstehen.“, schlägt er seine Lösung des Dilemmas vor. „Und bis ich bei Alaric vorstellig werde, können wir bereits ein wenig üben. Vielleicht findet Ihr für Euch selbst heraus, dass es nicht dem entspricht, was Ihr Euch vorgestellt habt. Falls dem so sein sollte, habt Ihr an Erfahrung gewonnen; falls nicht, ebenso. Ihr habt somit nichts zu verlieren, Estelle, doch einiges zu gewinnen.“
Seine Jahre als Krieger, seine unzähligen Teilnahmen an Kämpfen und auch seine Lebenserfahrung machen sich deutlich bemerkbar. Angenehm überrascht hebt nun auch Estelle wieder ihren Kopf und blickt Torben unsicher an.
„Ihr… würdet mich unterrichten?“, scheint sie sich noch einmal von seiner Entscheidung rückversichern zu wollen.
Ein neuerliches Nicken folgt von Torben zu ihrer Bestätigung, das ihm auch gleichzeitig einen respektvollen Blick von Marius einbringt.
„Sofern Ihr nicht vorhabt in einem Kleid zu den Übungen zu schreiten.“, wirft er ein, wobei ein kritischer Blick zu ihrem Gewand geht. „Ihr könntet Euch selbst darin verfangen oder sogar die zu führende Waffe.“, gibt er zu bedenken, ehe er sich mit leicht gerunzelter Stirn nochmal an sie wendet.
„Woran hattet Ihr eigentlich gedacht? Worin wollt Ihr unterrichtet werden? Habt Ihr Euch dazu bereits Gedanken gemacht?“
Fenrik’s Idee schießt Estelle durch den Kopf, die sie auch gleich wieder aufgreift.
„Einen Dolch! Er ist fast unsichtbar am Oberschenkel zu verstauen, nicht sofort ersichtlich, als dass er auf Provokation oder Gegenwehr schließen lassen könnte und somit denke ich, dass er die ideale Waffe für mich wäre. Zudem wäre er mir auch im Alltag nützlich.“
Torben lauscht ihren Worten. Ihre Gedanken und Worte zur Wahl ihrer Waffe scheinen für ihn nachvollziehbar zu sein.
„Eine gute Wahl.“, bestätigt er. „Jedoch würde ich zudem auch ein leichtes Schwerttraining empfehlen, um die Kraft in eurem waffenführenden Arm zu steigern und Euch ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass eine Klinge letztlich nichts anderes ist, als der verlängerte Arm seines Führers.“
Wie gebannt hängt Estelle an den Lippen von Torben, ebenso der junge Marius, der die Worte seines Herrn wie ein Schwamm aufsaugt, um dessen Worte und Lehren auch sich selbst zu verinnerlichen, zu vertiefen.
„Ich verspreche Euch, dass ich…“
Beschwichtigend und auch lächelnd hebt Torben seine Hand.
„Ihr müsst mir gar nichts versprechen. Zieht aus meinen Unterweisungen heraus, was Ihr für Euch als sinnvoll erachtet. Ihr wollt Euch verteidigen können, das ist mir klar und werde ich fördern. Doch wenn es darauf ankommt, dann werden Alaric’s, Galthors, Fenrik’s und auch mein eigener Arm Euch stets bis zum letzten Atemzug verteidigen, M’lady. Darauf habt Ihr mein Wort!“
Da ist nichts charmantes, einzig pure Ehrlichkeit, die aus jedem Wort spricht, das Torben Estelle entgegen bringt und ihr damit die Sprache verschlägt. Ein dankbares Lächeln, das tief aus ihrem Herzen kommt, tritt auf ihre Lippen und ihre Hand drückt ebenso kurz, wie auch herzlich die große Hand des älteren Kriegers. Marius ist nicht ganz so zurückhaltend, schaut seinen Herrn mit großen Augen und ein wenig offen stehendem Mund an.
„Das will ich auch irgendwann einmal sagen!“, schafft er es schließlich, seine Verzückung in Worte zu fassen.


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Donnerstag, 16. Mai 2019, 07:17

XXXIII – Spitze Klingen, scharfe Worte Teil 1

Wieder ist es Juna, die Estelle dazu verhilft, die von Torben angebotene Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie ist seiner Auffassung darüber, dass ein Kleid für die Übungsstunden hinderlich ist, weshalb man die beiden Frauen dabei sehen könnte, wie sie einige Kleidungsstücke auftrennen und daraus Beinkleider und ein Oberteil für Estelle fertigen, die nah am Körper sitzen und in denen sich weder Klinge noch eigene Schritte verfangen können, die ihr andererseits gleichzeitig Bewegungsfreiheit für die Übungsstunden garantieren.
Juna erweist sich einmal mehr als geschickt, ebenso wie auch Estelle. Die beiden Frauen wissen sehr gut mit Nadel und Garn umzugehen. Dabei ist es jedoch Juna, die der Kleidung einen nordischen Stil verleiht, die mit den gängigen Zuschnitten kampfestauglicher Kleidung vertraut ist. Zudem hat dieses vorläufig kleine Geheimnis die beiden Frauen noch enger zusammen geschweißt, weshalb ihre gegenseitige Ansprache in ein vertrauliches „Du“ übergegangen ist.
„Wann willst du es ihm denn nun sagen, Kindchen?“, hakt Juna irgendwann in die Stille ein, in der die Frauen teils schweigend arbeiten, Naht um Naht auflösen und kurz darauf neu erstellen.
„Vorerst gar nicht. Alaric ist auf so… so vehemente Weise gegen die Vorstellung, dass ich mit einer Waffe umzugehen lerne, dass er wohl in schallendes Gelächter ausbrechen würde, falls ich mich doch als untauglich erweise. Bestenfalls.“
Kaum sichtbar zieht Juna die Augenbrauen hoch, doch Estelle entgeht es nicht.
„Was denn? Bist du anderer Meinung?“, hakt sie daher nach, während Juna sich bereits wieder über ihre Näharbeit beugt und leicht den Kopf schüttelt.
„Im Grunde genommen nicht, jedoch….“, lautet ihre erste Antwort. Erneut ihre Arbeit unterbrechen sieht die junge Wyrdin dann jedoch ernst an. „Ich denke nur, dass Heimlichkeiten nicht unbedingt das sind, was Vertrauen fördert.“, gibt sie schließlich in ihrer offenen Art zu bedenken.
Auch Estelle hat ihre Näharbeit sinken lassen, blickt Juna an und wägt deren Worte scheinbar ab.
„Ich weiß was du meinst.“, stimmt sie Juna im Ansatz zu, ein leises Seufzen von sich gebend, bevor sie sich erneut ihrer Näharbeit widmet. „Und ich habe auch darüber nachgedacht, glaube mir bitte. Nur...“, wieder sinken ihre Hände untätig in den Schoß. „Lass es mich einfach versuchen, Juna. Bitte. Nur ein- oder zweimal. Danach werde ich mit ihm reden, versprochen.“
Juna zieht ihre Schultern leicht hoch, bevor sie noch einmal ihren Kopf schüttelt und sich wieder an die Arbeit macht.
„Mir musst du gar nicht versprechen. Kindchen, es ist deine Sache.“, räumt sie ein. „Deine und die von Alaric. Und ihr beide seid es, um die es geht und die euren Weg finden müsst.“
„Wirst du es ihm denn erzählen, Juna?“

Juna lacht auf und winkt ab.
„Ich? Kyne bewahre mich davor, zwischen eure Fronten zu geraten.“
Still, jedoch auch einträchtig, arbeiten die Frauen im Anschluss an ihr kurzes Gespräch weiter und beenden schließlich, was sie begonnen haben: Beinlinge und ein Oberteil aus weichem Leder zu fertigen, die für die Übungsstunden zwischen Estelle und Torben getragen werden sollen.

Umso mehr wundert sich Estelle, als sie ihre erste Vorbereitung, ihre erste Aufgabe von Torben erhält. Leicht die Stirn runzelnd blickt sie ihn auch an und sieht herab zu ihren Füßen, vor denen ein mit Wasser gefüllter Eimer steht.
„Ich soll… den Eimer anheben?“
Zögerlich, die Augen auf den Holzeimer gerichtet, fragt sie nach, ob sie das wirklich richtig verstanden hat. Ein bekräftigendes Nicken, begleitet von einem geduldigen Lächeln ist die Antwort, die sie daraufhin von Torben erhält.
„Ihr benötigt mehr Kraft in Euren Armen, Estelle. Und glaubt mir…“, seine Hand weist kurz zu dem Eimer hin, bevor er fortfährt, „…nichts baut Eure Muskulatur besser auf, als wenn Ihr des Öfteren diesen Eimer mit ausgestrecktem Arm anhebt und Euren Arm auf Schulterhöhe führt, bevor Ihr ihn wieder absetzt und von vorn beginnt.“
Probehalber hebt Estelle den Eimer mit dem Wasser darin an, vollführt die aufgetragene Übung so, wie Torben es ihr aufgetragen hat. Ein Ziehen geht durch ihren Arm, nicht unangenehm, aber doch spürbar.
„Spürt Ihr es? Das Gewicht und die Spannung Eurer Muskulatur?“
Estelle nickt, führt die Übung weiter fort.
„Falls Euch der Eimer zu schwer ist, könnt Ihr ein wenig Wasser abgießen.“, räumt Torben ihr eine Möglichkeit ein. Noch nie hat er eine Frau unterwiesen, weshalb er sich nicht sicher war, mit wie viel Wasser er den Eimer befüllen sollte.
Estelle jedoch schüttelt den Kopf, während sie wieder und wieder den Wassereimer anhebt und ihren Arm ausgestreckt auf Schulterhöhe führt. Mit jedem Anheben hat sie dabei das Gefühl, dass der Eimer schwerer in ihre Hand wiegt, der Widerstand größer wird.
„Wie… lange soll ich das machen, Torben?“, erkundigt sie sich während des erneuten Anhebens.
„Täglich und so oft es Eure Zeit zulässt.“
„Nein. Wie viele Tage?“
„Wenn es Euch ernst ist, dann so lange, bis es Euch nicht mehr schmerzt.“

Torben’s Antwort lockt Estelle’s Blick wieder zu ihm.
„Na das kann ja dauern!“, seufzt sie, bevor sie den Eimer erneut anhebt, was ihr von Mal zu Mal schwerer fällt und ihren Atem ebenso schwerer werden lässt. Nach dem zehnten Stemmen nimmt Torben ihr den Eimer ab, stellt ihn auf die Seite. Estelle reibt ihre malträtierten Armmuskeln, als Torben mit einem leichten Einhänder zurückkommt und ihn ihr in die Hand drückt. Im ersten Moment entgleitet Estelle fast die Waffe.
Nach der Übung mit dem Eimer scheint ihre Hand, ihr Arm gerade über gar keine Kraft zu verfügen. Dennoch beißt sie die Zähne zusammen, bewegt ihren Arm leicht kreisend und versucht damit, ihre Muskulatur wieder zu entspannen, was ihr ein anerkennendes Lächeln von Torben einbringt.
„Ihr seid zäh, willig und zielstrebig. Das dürfte Euch zum Vorteil gereichen, M’lady.“, lobt er sie auch mit Worten, ehe er hinter sie tritt und ihren schwertführenden Arm anhebt, bis sie einen guten Blick auf ihren nun verlängerten Arm hat.
„Ihr müsst das Schwert locker und doch sicher zu halten. Es muss die Verlängerung eures Arms werden, eine Einheit aus Knochen, Muskeln, Sehnen und Metall.“
Langsam, eine Hand um ihre Taille legend, mit der anderen ihrem Arm führen, leitet Torben ihre Bewegungen von hinten her, lehrt sie die ersten Schritte mit der Waffe in der Hand. Für einen Außenstehenden mutet es wie ein Tanz an, den die beiden vollführen. Torben bewegt sich langsam mit Estelle, zeigt ihr die ersten Angriffs- und Rückzugsschritte, den Wechsel zwischen Vor- und Rückhand, während er ihr genauestens erklärt, wofür welcher Schritt, welche Waffenführungshand ist, welche Vor- und welche Nachteile es in sich birgt. Marius, der davor sein Kampftraining bei seinem Herrn hatte, hat es sich auf einem der Heuballen bequem gemacht. Nah bei den Pferden beobachtet er seinen Lehrer samt seiner Schülerin aus einer anderen Perspektive, während er hungrig einen Apfel verspeist.
Nach einer Weile entlässt Torben Estelle aus seinem Griff und tritt einige Schritte zurück.
„Ihr seid dran. Diesmal ohne meine Führung.“
Seine Arme vor der Brust verschränkend, betrachtet er nun aus einiger Distanz die Bewegungen seiner neuen Schülerin. Dabei sind es nur wenige Korrekturen, die er anmerken oder an ihr vornehmen muss. Seinen Beobachtungsplatz zwischendurch ändernd, Estelle mal von hinten, dann von der Seite und schließlich auch frontal beobachtend, wird sein Nicken zustimmender, sein Gesichtsausdruck deutlich zufrieden.


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Donnerstag, 16. Mai 2019, 07:23

XXXIII - Spitze Klingen, scharfe Worte Teil 2


„Sehr gut. Richtig so. Werdet eins mit dem, was Ihr in Eurer Hand führt. Bis Ihr die Waffe nicht mehr als solche empfindet, sondern als Teil Eurer selbst.“
Geschmeidig bewegt sich die junge Wyrdin mitsamt des Einhänders, wobei sie ihren Beobachtern das Bild einer jungen Amazone bietet. Mit jedem Schritt wird sie sicherer, scheint die Waffe mehr ein Teil ihrer selbst zu werden. Fast enttäuscht wirkt sie daher, als Torben ihr schließlich das Schwert mit einem anerkennenden Lächeln abnimmt.
„Verausgabt Euch nicht. Für heute ist das genug.“, bremst Torben ein wenig ihren Eifer. „Erst morgen werdet Ihr spüren, was Eure Arme heute geleistet haben.“, fügt er hinzu, während ein leises Lachen seine Worte begleitet.

Den Wahrheitsgehalt von Torben’s Worten erfährt Estelle bereits am nächsten Morgen, als ihre Armmuskeln sich vehement gegen die Übungen sträuben, die sie dennoch fortführt, ihrem Arm aufzwingt. Es ist stets am Morgen, wenn sie nun mit Torben unter Deck und in der Nähe der Pferde und der Waffenkammer übt. Die Zeit, wenn Alaric sich mit Galthor bespricht oder am Heck der Nordstern das Steuer übernimmt. Meile um Meile nähern sie sich dabei Himmelsrand. Das Klima wird deutlich kühler, die Winde rauer. Doch Estelle nimmt dies eher wohlwollend zur Kenntnis, kann diesem herrischen, bestimmenden Wetter seinen ganz eigenen Charme abgewinnen, der sie für sich einnimmt. Zudem steht sie nun als wissbegierige Beobachterin mit auf Deck, wenn die Männer sich tagsüber zum Zeitvertreib und auch zur Übung ihren Waffenkämpfen an Bord widmen. Immer wieder ihren Standort dabei wechselnd, saugt sie mit den Augen gierig die Bewegungsabläufe der kämpfenden Männer auf und fragt auch das eine oder andere Mal bei Torben nach, wenn ihr etwas Besonderes dabei aufgefallen ist.
Der Tag an sich, der nun mit ihrem Training bereichert wurde, macht sich des Abends bei ihr bemerkbar, wenn sie erschöpft, müde und auch glücklich auf das Lager sinkt und nur kurz darauf eingeschlafen ist. Alaric schreibt diese Entwicklung dem Umstand zu, dass Estelle guter Hoffnung ist und zudem wohl mit der Umstellung des Klimas zu tun hat. So schmiegt er sich des Nachts nur an seine Geliebte, lässt ihr den benötigten Schlaf und nimmt sich nur das Nötigste von ihr: Ihre Wärme und Nähe, die Ruhe, die sie wie immer über ihn legt.

„Heute gehen wir einen Schritt weiter.“, kündigt Torben nach dem vierten Tag an und winkt Marius herbei, der es sich wieder auf einem Heuballen gemütlich gemacht hat. Estelle’s Blick geht zu dem Jungen hin, fast ungläubig.
„Aber… er ist so jung. Noch ein Kind. Ich kann doch nicht…“, wirft sie ein. Sie hat Marius inzwischen ins Herz geschlossen, den guten Kern in ihm entdeckt und schätzen gelernt. Der wiederum zwinkert ihr zu, greift seinerseits nach dem Schwert, das Torben ihm für die Übungsstunden zugewiesen hat und stellt sich Estelle gegenüber auf.
„Kein Problem, M’lady. Ich bin auf dem Weg ein guter Kämpfer zu werden, lerne vom Besten.“, entkräftet er ihre Befürchtungen und legt auch bereits eine Kämpferhaltung an den Tag, die nur aus Torben’s Lehren entsprungen sein kann.
„Ihr beide werden nur abwehren, verstanden?“, gehen die eindringlichen Worte Torben’s an seine beiden Schüler, die sich nun gegenüber stehen. „Keine selbständigen Attacken und hört genau auf meine Worte. Ich allein bestimme, wer von euch beiden angreift und wer abwehrt.“
Folgsames Nicken kommt von seinen beiden Schülern, ehe Torben sich mittig der zwei Kämpfer etwas zurückzieht und kurz darauf seine Anweisungen gibt. Ein seltsames Bild, das sich für einen Außenstehenden bieten würde: Der Junge und die Wyrdin, die, obwohl sie gegeneinander stehen, sich dennoch in harmonischer und friedlicher Eintracht bewegen, sich im Beisein ihres Lehrers gegenseitig herausfordern und auch verteidigen. So hört man das Schlagen der Klingen, das sich unter Deck ausbreitet. Es dauert nicht lange, als ein neugieriger Nordmann, angezogen durch das Singen des Metalls, sich an der Schwelle aufstellt und das Geschehen betrachtet. Er selbst, als Kämpfer mit Äxten, scheint fasziniert von der Grazie und der Leidenschaft, die die beiden Schwertkämpfer an den Tag legen und so vergisst er die Zeit darüber beobachtet die beiden Kämpfer. Erst als die eine Pause einlegen, gibt er sich zu erkennen und wandert tiefer in den Übungsraum hinein.
Erschrocken schaut Estelle auf, noch immer leicht außer Atem von den Übungen. Als sie jedoch den wohlwollenden Blick ihres Beobachters bemerkt, atmet sie erleichtert wieder aus.
„Aye Lady, das schaut gut aus, was Ihr da macht. Scheint ein kleines Naturtalent zu sein.“, lobt er, was er gesehen und mitbekommen hat. Estelle kennt den Nord noch von ihrer Seereise nach Aldfelden. Jolgar, wenn sie sich richtig erinnert, als der sich auch schon von selbst vorstellt.
„Jolgar, erinnert Ihr Euch?“
Estelle nickt und schenkt dem großen, stämmigen Nord ein Lächeln.
„Wollt Euch nich störn. Das Singen der Waffen hat mich neugierig gemacht, so wie wohl jeden anständigen Krieger.“, entschuldigt er seine Neugierde, sein Reinplatzen in das Training.
„Alles gut, Jolgar.“, gibt Estelle versöhnlich von sich. „Wir sind für heute sowieso fertig, oder?“
Ihr Blick wandert zu Torben, der amüsiert lächelnd nickt.
„Aye, für heute soll’s genug gewesen sein. Ihr beide seid recht gute Schüler und ich denke…“
Sein Blick geht deutlich intensiver zu Estelle hin. Sie weiß, was gerade durch Torben’s Kopf geht. Er will mit Alaric sprechen, denkt, dass die Zeit dafür gekommen ist. Ein mulmiges Gefühl macht sich in Estelle breit. Gerade hat sie Freude daran gefunden, auf dem Weg einer guten Selbstverteidigung zu sein. Was ist, wenn Alaric sich erneut gegen ihr Anliegen stellt, ihr gar verbietet, weiter mit Torben zu trainieren. Eben diese Befürchtungen sind auch in ihrem Blick abzulesen.
„Bitte Torben, nur noch ein oder zwei Tage, aye?“
Und während Torben über ihren Wunsch nachzudenken scheint, bringt sich Jolgar noch einmal ins Gespräch ein.
„Ihr werdet mehr als nur’n paar Tage brauchen, bis der alte Haudegen Euch sein Wissen vermittelt hat.“, gibt er mit einem breiten Grinsen von sich, da er nicht weiß, worum es bei Estelle’s Bitte wirklich geht.
„Einen Tag noch, aber dann…“
Jolgar’s Blick wandert zwischen den Anwesenden. Dann kratzt er sich kräftig durch seinen buschigen Bart, nickt Estelle kurz zu.
„War’n Vergnügen den jungen Kampfrecken zuzusehen.“
Seine Aufgaben scheinen zu rufen, weshalb er sich nach einem kameradschaftlichen Schlag auf Torben’s Schulter wieder auf den Weg zum Oberdeck macht. Er lässt Lehrer samt Schüler besprechen, was noch zu klären ist, zumal er eh nicht weiß, worum es da geht.

Auch am nächsten Morgen werden die Übungen fortgesetzt, treten Marius und Estelle gegeneinander an. Fließender werden inzwischen ihre Bewegungen, nehmen auch bereits an Geschwindigkeit zu und so unterliegt diesem Übungskampf schon eine gewisse Behändigkeit. Die Beteiligten sind derart in ihre Übungen und die Kampfabläufe vertieft, dass sie nicht bemerken, dass heute bereits drei Zuschauer dem Kampf als Beobachter folgen. Klirrend schlagen die Schwerter aufeinander, während die sich gegenüber Stehenden mit Paraden und Attacken abwechseln.
„Was… ist hier los?“
Donnernd ertönt nach einer Weile eine Stimme aus dem Hintergrund, als Alaric plötzlich in die Mitte tritt und die beiden Kämpfer durch sein Einschreiten auseinander zwingt. Sechs Augenpaare liegen auf ihm. Ein Paar davon neugierig, das nächste erstaunt und das letzte erschrocken. Alaric’s Blick aus seinen blauen Augen gleicht hingegen einem Eisberg, der abschätzend zwischen Torben und Estelle wandert.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Donnerstag, 16. Mai 2019, 07:29

XXXIII - Spitze Klingen, scharfe Worte Teil 3


„Wir haben geübt, Herr.“
Marius ist es, der als Erster eine Antwort bereit hält, die ganz seiner jungenhaften Unschuld entspricht. Eine Augenbraue anhebend, schweift Alaric’s Blick hin zu dem Jungen, als wolle er festhalten, dass ihm das bereits bei seinem Eintreten klargeworden ist. Im Anschluss wandert sein Blick weiter zu Estelle, bevor er sich umdreht, zu den Beobachtern des Kampfes.
„Geht an eure Aufgaben!“, weist er sie kurz und bestimmt, jedoch nicht unfreundlich an, dann wendet er sich Marius zu. „Und du schau, ob Juna Hilfe benötigt.“
Er kann seinen Männern keinen Vorwurf machen, will sie bei der anstehenden Auseinandersetzung jedoch auch nicht dabei haben, um niemanden der Anwesenden zu entehren oder vorzuführen, ebenso wenig will er auch Marius bei der Aussprache dabei haben, der in seinem jungen Leben schon genug gesehen hat und den er nicht verschrecken will.
Die Männer geben noch das eine oder andere Worte des Lobes an die beiden Kämpfer, bevor sie sich auf den Weg machen. Sie kennen diesen Tonfall, der zumeist Vorbote eines verbalen Donnerwetters ist und auch Marius macht sich schleunigst auf den Weg, nach einem kurzen Blick gen Torben.
Alaric wartet geduldig, bis sie drei alleine sind, als er sich wieder Estelle zuwendet.
„Erkläre es mir! Weshalb widersetzt du dich meinen Anweisungen?“, fordert er sie auf, seine Stimme dabei im Zaum haltend und ihr eine gewisse Ruhe gebend, während Unverständnis und auch Sorgen in ihm brodeln.
Estelle holt Luft. Einmal, zweimal. Ihr Blick geht zu den Planken des Schiffbodens hin, während sie nach Worten sucht. Torben ist es, der ihr aus dem Dilemma hilft, indem er sich an Alaric wendet.
„Hör zu, Alaric. Ich habe Estelle angeboten, dass ich mit ihr übe. Ihre Worten entbehren nicht einer gewissen Logik, dass sie in der Lage sein sollte sich selbst zu verteidigen.“, setzt er zu einer Erklärung an.
Alaric greift sich das Schwert aus Estelle’s Hand und schleudert die Klinge so schwungvoll weg, dass die bis zum nächsten Heuballen kommt, ehe sie sich dort mit der Spitze voran hinein bohrt. Erst dann trifft ein eisiger Blick Torben.
„Du hast also gedacht, du könntest mein Weib hinter meinem Rücken trainieren? Du wusstest, dass ich dagegen bin und hast es dennoch gemacht?“
Jedes Wort von Alaric macht klar, dass er seine Anweisungen immer und jederzeit befolgt wissen will. Das Aufblitzen seiner Augen gibt ebenso Aufschluss darüber, dass jedes Wort der Erklärung von Torben für ihn wie der Rauch eines Feuers ist – einzig eine Nebenerscheinung.
„Alaric, bitte…“, greift Estelle in die aufgekommene Spannung ein, doch der würgt sie mit einer raschen Handbewegung und einem zornigen Blick ab, wendet sich wieder Torben zu.
„Du lässt mein Weib, das guter Hoffnung ist, mit einem Schwert hier herumtanzen?“, drohend leise gehen die Worte an seinen Freund und Kameraden, dessen Augen sich bei diesen Worten langsam weiten, bevor sie auf Estelle zu liegen kommen und von ihrem Antlitz herab wandern, zu ihrem Leib.
„Sie ist…“, haucht Torben fast tonlos.
„Ja, sie trägt mein Kind unter ihrem Herzen!“, knurrt Alaric zu ihm.
„Ich schwöre dir, Alaric, davon wusste ich nichts!“
Auch dieses Mal wird Torben in seinen Ausführungen jäh unterbrochen.
„Weshalb glaubst du denn, dass ich mich derart gegen ein jetziges Training entschieden habe, hm? Hast du jemals Befehle von mir erlebt, die keinen Grund hatten? Die ohne Sinn und Verstand von mir kamen?“
Enttäuschung schwingt nun in seiner Stimme mit, ehe er seine Hand durch seine Haare, danach über sein Gesicht führt. Er braucht eine Weile des Nachdenkens, ehe er sich danach an Estelle wendet.
„Geh in die Kajüte, wir zwei reden dort!“
Es ist keine Option, die er ihr bietet, keine Bitte, die er äußert. Seine Worte sind ein Befehl und der mitschwingende Unterton lässt Estelle erkennen, dass sie genau die Schwelle überschritten hat, die Juna ihr vorausgesagt hatte. Sie hat sein Vertrauen ins Wanken gebracht. Sie zögert, scheint noch etwas anführen zu wollen, doch Alaric hebt die Hand.
„Ich… möchte jetzt nichts hören, Estelle. Alles weitere in der Kajüte.“
Mit gesenktem Kopf verlässt Estelle das Unterdeck, begibt sich auf den Weg in die Kajüte, um dort das nächste Donnerwetter von Alaric über sich ergehen zu lassen.
Auch jetzt wartet Alaric, bis Estelle außer Sicht- und Hörweite ist, ehe er sich wieder an Torben wendet.
„Du hast Recht gehandelt, mein Freund, dass du mich über euer Training informiert hast.“, gehen die leisen Worte zu ihm und seine Hand legt sich auf Torben’s Schulter. „Und auch wenn mein Auftritt eben einen faden Beigeschmack hinterlässt, bin ich dennoch davon überzeugt, dass wir richtig handeln.“
Die beiden Nord wechseln einen langen Blick, bevor Torben sich erneut an Alaric wendet.
„Nichtsdestotrotz… sie ist gut, hat ein Talent für das Schwert und somit auch für den Dolch. Darf ich… dir noch einen Rat mit auf den Weg geben?“, eindringlich liegt der Blick des Älterem auf dem Jüngeren, der schließlich nickt.
„Begründe, weshalb du eine Entscheidung triffst, Alaric. Das baut vielen Missverständnissen und Uneinigkeiten vor, aye?“
„Bei meiner Mannschaft, meinen Männern muss ich das auch nicht tun, Torben.“
, begehrt Alaric stirnrunzelnd auf und erntet dafür erst ein Kopfnicken von Torben, das in ein Kopfschütteln wechselt.
„Sie ist aber keiner aus deiner Mannschaft, auch keiner deiner Männer, mein Freund. Sie ist die Frau an deiner Seite und kein lebloser Befehlsempfänger. Du wirst dich mit ihrem Kopf ebenso auseinandersetzen müssen, wie sie sich mit deinem.“


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Samstag, 18. Mai 2019, 12:00

XXXIV – Sorge und Vorsorge Teil 1


Unruhig führt Estelle ihre Schritte durch die Kapitänskabine. Dann und wann bleibt sie stehen, lauscht nach draußen ob sie Alaric sich nähern hört, um dann ihre rastlose Wanderung wieder aufzunehmen, wenn sie nur die üblichen Geräusche von Deck vernimmt. Kurz war sie versucht ihre Kleidung zu wechseln, um dem anstehenden Gespräch ein wenig Provokation und Schärfe zu nehmen. Doch war es ihr Stolz, der diesem Gedanken Einhalt geboten hat.
„Ich bin wer ich bin, habe eine Stimme.“, murmelt Estelle zwischendurch des Öfteren zu sich selbst, reckt ihr Kinn dabei. Und doch kann sie den Ausdruck auf Alaric’s Antlitz nicht vergessen, das Sorge, Besorgnis widergespiegelt hat. Inmitten ihrer Gedanken und Abwägungen betritt Alaric die Kabine, schließt die Tür und bleibt dort auch vorläufig stehen. Estelle wendet sich bei seinem Eintritt herum. So steht sich das Paar auf einiger Distanz gegenüber, vorläufig wortlos. Es ist nicht zu erahnen, was ihnen beiden gerade durch den Kopf geht und so räuspert sich Alaric vernehmlich und durchbricht damit die Stille.
„Du hast nicht nur mich, sondern auch Torben in eine unangenehme Situation gebracht.“, bringt er ruhig vor und nähert sich seinem Schreibtisch, ohne Estelle dabei eines weiteren Blickes zu würdigen. Seine langen Finger sortieren die auf der Schreibtischplatte liegenden Gegenstände und doch wirkt er, als suchen seine Finger, er selbst nur nach einer fadenscheinigen Beschäftigung. Ruhig dreht sich Estelle mit seinem Gang durch die Kabine, folgt sie ihm mit den Augen.
„Ich erkenne an, dass du keinen von uns vor der Mannschaft brüskiert hast, mit der Aussprache gewartet hast bis wir allein waren.“, setzt Estelle in ebenso ruhigem Ton dagegen. Dennoch hört man heraus, dass sie noch nicht fertig ist. „Ich habe Torben nichts von unserem Kind gesagt, weil ich davon ausging dass er es bereits weiß.“, stellt sie ihr Handeln klar, was Alaric seinen Kopf heben und seine Tätigkeit unterbrechen lässt.
„Gut, dann sind wir damit durch und du lässt dieses alberne Training ruhen.“
Er stößt sich leicht vom Schreibtisch ab und kommt gerade noch dazu zwei Schritte zu gehen, als Estelle ihn aufhält.
„Halt! Ich bin noch nicht fertig, Alaric.“
Ihre Stimme ist derart fest, dass er einen Moment stutzt, ehe sich ein Grinsen auf seinen Mund legt, das jedoch nicht von Amüsement spricht. Dennoch gewährt er ihr eine Fortsetzung ihrer Worte an ihn.
„Du magst dieses Training albern nennen, es für beendet erklären. Doch ich bin keine Stockpuppe, die zu allem „ja“ und „natürlich“ sagt, wenn es für mich dafür keinen nachvollziehbaren, triftigen Grund gibt.“
Langsam nähert sich Alaric bis auf drei Schritte zu Estelle hin. Sein Blick ruht auf ihr, betrachtet sie und auch ihre Aufmachung.
„Dieses Training ist...“, versucht er nun die richtigen Worte zu wählen, als kleines Entgegenkommen zu Estelle, „…es ist gefährlich, Estelle. Du und unser Kind, ihr könntet dabei verletzt werden oder gar schlimmeres.“, fasst er seine Sorge in Worte, die ihn scheinbar beschäftigt. „Und ich sehe dich nicht als Stockpuppe an, werde mir immer anhören, was du zu sagen hast, welche Meinung zu vertrittst.“
Eben noch liegt der Blick von Estelle auf Alaric, als sie sich abwendet und ihre Wanderung durch die Kajüte wieder aufnimmt. Seine Worte klingen in ihren Ohren nach und tief in ihrem Innersten kann sie seine Sorge nachvollziehen. Mitten in ihrem Gang bleibt sie stehen, senkt den Kopf zu Boden und dreht sich dann zu Alaric herum.
„Denkst du… wir sind mit diesem Kind gesegnet worden?“
Keinesfalls hatte Alaric mit dieser Frage gerechnet. Mit Widerworten, ja, mit Einwänden, ebenfalls, doch nicht mit einer so schlichten, sein Herz ergreifenden Frage.
„Estelle!“, mahnt er sie an und das Blau seiner Augen spiegelt die Überraschung ihrer Frage wider. „Natürlich ist dieses Kind ein Segen, ein Geschenk an uns beide. Zweifelst du etwa daran?“
Sie schüttelt den Kopf, entkräftet seine Befürchtung mit einem liebevollen Lächeln an ihn.
„Nein, Liebster, daran zweifle ich nicht. Wie könnte ich auch.“
Ihre Worte beruhigen ihn ein wenig, dennoch ruhen seine Augen fragend auf ihr.
„Was dann? Worin liegt der Sinn deiner Frage an mich?“
„Es ist doch so, Alaric. Wenn unser Kind ein Geschenk ist, dann müssen wir es auch behüten, das junge Leben schützen Wie Eltern es eben tun, es ihre Bestimmung ist.“
Ruhig lauscht Alaric ihren Worten, auch wenn sich ihm noch nicht der Sinn ergibt.
„Unser Kind wird in einer Welt aufwachsen, in der nicht alle Menschen friedlich und einander wohlgesonnen sind. Selbst hier auf dem Meer kann es zu Begegnungen kommen, die nicht immer vom Frieden begleitet werden. Das weißt du am besten, nicht wahr?“
Allmählich dämmert Alaric, worauf Estelle hinaus will und so sehr er es sich auch wünscht, kann er ihren Worten den Grad der Wahrheit nicht absprechen, ohne selbst zum Lügner zu werden.
„Natürlich, du hast ja Recht. Jedoch musst… solltest du auch bedenken, dass es meine Aufgabe ist, für dich und unser Kind da zu sein, euch beide zu schützen. Ob das Kleine nun bereits geboren ist oder nicht. Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst, Liebes.“
Mit jedem fortschreitenden Wort wird die Stimme Alaric’s weicher, wie auch sein Blick zu ihr, der jedoch zwischen ihren Augen und ihrem Leib kurz wandert, ehe er sich wieder in ihren Augen festigt.
Langsam, noch immer lächelnd, schüttelt Estelle den Kopf und geht die Schritte, die sie von Alaric trennen. Ihre Hand legt sie direkt über seinem Herzen ab.
„Niemals würde ich auch nur einen Moment an deiner Liebe oder deiner Fürsorge für mich oder für uns zweifeln, Liebster. Ich würde dir immer und wieder mein Leben anvertrauen, von jeder Klippe springen, wenn du sie für sicher erklären würdest.“
Ihre Worte erwärmen sein Herz. Jedes von ihnen trifft ihn wie ein Pfeil und lässt die aufgestaute Fassade aus Sorge in ihm bröckeln, sie schmelzen wie Schnee in der warmen Frühlingssonne.
Estelle nimmt seine Hand, führt sie sorgsam auf ihren Leib und dorthin, wo das neue Leben, ihr gemeinsames Kind in ihr wächst, von ihr dem Leben zugeführt wird.
„Ich bin guter Hoffnung, Alaric. Hoffnung, verstehst du?“
Sie schafft es erneut, dass er ihrer Stimme lauscht wie einem Gebet, dass er nur noch sie sieht, ihre Worte hört und ihr dezenter Geruch seine Sinne auf sie fixiert.
„Eine Hoffnung ist niemals eine Krankheit, mein Herz. Es ist nichts was schwächt, sondern stärkt. Und unser Kind…“
Ein derart liebevolles Lächeln trifft ihn, dass er für einen Moment das Gefühl hat den Boden unter seinen Füßen zu verlieren. Es kommt ihm vor, als wäre er wieder in der kleinen Hütte bei den Wyrd, bei ihrer ersten Begegnung und ihm würde eine Göttin ihre Gunst und ihr Wohlvollen zuteilwerden lassen.
„…unser Kind ist jetzt schon so sehr mit uns verbunden, dass es mich deine Kraft erfahren lässt und meinen Willen stärkt.“
Deutlich verständiger ruhen seine blauen Augen in ihren grünen, deutlich spürt er, wie sie wieder eins werden und ihre Herzen für- und miteinander schlagen, im Einklang.
„Torben hat nichts getan, was mich oder das Kleine auch nur im Ansatz in Gefahr gebracht hätte. Er hat mich als werdende Mutter jedoch gestärkt und mir das Gefühl gegeben, dass auch ich etwas zum Schutz meines Lebens und das unseres Kindes tun kann. Sei ihm nicht gram, Alaric. Er hat nichts Unrechtes getan und wollte dich bereits gestern um deine Zustimmung bitten, mich weiter unterrichten zu können. Ich habe ihn um Aufschub gebeten. Er steht zu dir, uneingeschränkt und treu.“


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Samstag, 18. Mai 2019, 12:04

XXXIV - Sorge und Vorsorge Teil 2


Estelle lässt ihre Worte auf Alaric wirken. Sie gibt ihm Zeit zu verstehen, was ihm davor vielleicht nicht klar war, lüftet für ihn ein Geheimnis, das sich ausschließlich einer Frau eröffnet, in der neues Leben heranwächst. Und er nimmt und lässt sich eben diese Zeit, betrachtet ihrer beider Hände, die auf Estelle’s Unterleib liegen. Zart bewegt sich seine Hand darüber.
„Ich hätte dir sagen sollen, dass mich die Sorge um euch beide antrieb, dir deinen Wunsch abzusprechen.“, gesteht er leise zu ihr und auch sich selbst. „Torben gab mir den Rat, dir meine Entscheidungen zu klären und damit hat er Recht. Ich… bin ein Horker, dass ich nicht von mir aus darauf gekommen bin.“
Estelle kann ein leises Auflachen nicht unterdrücken, zieht Alaric mit ihrem Lachen gleichfalls aus seiner ernsten Selbstkritik. Sanft wechselt ihre Hand von seinem Herzen zu seiner Wange, die sie zärtlich streichelt.
„Wir müssen beide noch sehr viel lernen und wenn wir uns gegenseitig helfen, bisweilen den Rat eines guten und erfahrenen Freundes annehmen, dann wird uns das auch gelingen, aye?“
Ihr wird nicht klar, dass sie in genau diesem Moment sehr viel mit Alasthe, Alaric’s Mutter, gemein hat, die ebenso ruhig und besonnen auf das Gemüt ihres Mannes Ulrik einwirkt, falls es notwendig ist oder wird.
Tief atmet Alaric durch, scheint einige Momente zu zögern, ehe er ein kaum merkliches Nicken von sich gibt.
„Na schön. Deine Worte zeigen mir, dass du sehr gute eigene Entscheidungen treffen kannst, Liebes. Von daher…“, er atmet noch einmal, tief und auch etwas schwerer, „…kannst du vorübergehend auch weiterhin mit Torben trainieren.“
Ein Jauchzer der Freude entfährt Estelle, ehe sie ihre Arme um den Nacken ihres geliebten Alaric schlingt und kleine Küsse auf seinem Gesicht verteilt.
„Danke! Vielen tausend Dank, mein Liebster! Bei den Göttern, ich liebe dich von und mit der ganzen Kraft meines Herzens!“
So schwer ihm diese Entscheidung auch fiel, desto mehr genießt er die echte Freude, die er Estelle damit bereitet hat. Kurz bringt er sie auf eine Armeslänge Abstand zu sich, blickt sie mit einem Schmunzeln und auch mahnend an.
„Und dennoch versprichst du mir, dass du auf euch beide achtest, aye?“, bittet er sie nochmals inständig und erhält ein überschwängliches, ehrliches Nicken.


Derweil, viele Meilen entfernt, irgendwo in Hochfels.
Cyrena richtet sich mühsam auf und wischt sich mit ihrem Ärmel über den Mund. Ihr Magen rebelliert noch immer, nun jedoch im erträglichen Maße. Nachdenklich betrachtet sie den Boden, über den sie eben noch gebeugt war.
„Das… dürfte dann wohl die Bestätigung sein.“, murmelt sie leise, während die Übelkeit langsam in ihr abflaut. Ihren Blick in den heute frostigen Himmel richtend, streicht sie sich mit einer Hand über ihren Unterleib.
„Ich habe meinen Teil erfüllt, nun bist du dran.“
An wen ihre Worte auch gerichtet sein mögen, so liegt ein großer Teil Hoffnung und auch Sorge in ihrem himmelwärts gerichteten Blick. Sanft streicht sie über das Amulett an ihrem Hals, dass sie, seitdem sie es erhalten hat, nie wieder abgelegt hat. Irgendwann wird sie es nutzen, es dem Zweck zuführen, dem es dienlich sein sollte. Irgendwann, in einer weiter entfernten Zukunft.


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Mittwoch, 29. Mai 2019, 12:30

XXXV – Am Rand des Himmels Teil 1


Knapp zwanzig Reisetage auf dem Meer sind inzwischen vergangen, auch bedingt durch Sturm und launische Winde, als die ersten Ausläufer von Himmelsrand vom Mann im Krähennest gesichtet und ausgerufen werden. Nur einige Zeit später umkreisen bereits auch die ersten Möwen das Schiff und künden gleichfalls vom nahen Land.
Estelle, die bereits seit einigen Tagen ihre Kleidung aufstocken musste, ob des inzwischen doch deutlich kühleren und frischeren Klimas, hat sich zum Bug des Schiffes begeben und reckt dort neugierig den Hals, ob und wann auch sie endlich etwas von ihrer neuen Heimat zu Gesicht bekommen wird. Galthor, dessen Augenmerk sich einmal mehr auf seinen jungen Schützling, die kleine Wyrdin, legt, nähert sich ihr und bleibt knapp hinter ihr stehen. Alaric hat sich ans Steuerrad begeben. Von ihm wird erwartet und er lässt es sich auch nicht nehmen, die Nordstern, Eigentum des Hauses Morgenstern, selbst in Hafennähe zu steuern, um dort von den Schleppschiffen weiter zu den Docks gezogen zu werden.
„Na kleine Wyrdin, aufgeregt oder eher neugierig?“
Man hört den Worten Galthor’s bereits an, dass ein breites Schmunzeln auf seinem Gesicht liegt, schwingt dieses auch hörbar in seiner Frage an Estelle mit. Die, den Blick noch immer voran gerichtet, kann nur nicken und atmet mehrfach tief durch. Ihre Kehle fühlt sich enger an als sonst, denn es ist nicht nur die Neugierde, die sich in ihr ausbreitet. Leise Befürchtungen schleichen sich ebenso dazu, da das Treffen mit Alaric’s Familie nun nicht mehr weit entfernt ist und sie sich dieser Begegnung stellen muss. Ehe sie es sich verkneifen kann, richtet Estelle dementsprechende Worte an Galthor.
„Werden sie mich mögen, Galthor? Kann ich etwas tun, um diese Begegnung zu meinen Gunsten zu wenden?“
Brummiges, als auch herzliches Lachen scheint nach einem Moment die erste Antwort zu sein, die Estelle auf ihre Fragen von Galthor erhält, ehe seine große Hand sich beruhigend auf ihre Schulter legt.
„Kleine Wyrdin, wir Nord sind nicht wie andere Völker. Wir kriechen niemandem in den Ar…“
Gerade kann Galthor sich noch in seiner Wortwahl zurückhalten und lässt ein erzwungenes, mehrfaches Räuspern folgen, bevor er für einen erneuten Versuch zur Erklärung für Estelle ansetzt.
„Wir Nord sind ein offenes, raubeiniges aber auch herzliches Volk. Kämpfer, in erster Linie. Hier wird sich nicht hinter schönen Worten versteckt. Auch nicht hinter höfischen Intrigen.“
Dieser Versuch fruchtet, veranlasst Estelle dazu, sich Galthor direkt zuzuwenden und einmal tief und befreiend Luft zu holen, bevor ihr Blick neugierig wird und ihn ermuntert, forzufahren.
„Wir sind Kämpfer. Ysgramor selbst hat’s uns vorgemacht und uns gezeigt, dass wir ein ganz besonderes Volk sind die alles erreichen können, wenn wir den Willen dafür aufbringen und uns in die Riemen legen! Schwachköpfe, Feiglinge… sowas ist nix für uns und das zeigen wir auch ganz offen. Aber Ihr, Mädchen, Ihr seid nichts davon.“
Estelle lauscht aufmerksam den Worten. Erneut ist sie froh, dass sie durch Galthor so viel mehr über das ihr noch recht fremde Volk der Nord erfährt, weshalb sie jedes Wort und jede Erklärung von ihm aufsaugt wie ein Schwamm. Galthor ist ein Mann, der für Estelle einen – in ihren Augen – typischen Nord widerspiegelt: Groß, mit wahren Muskelbergen ohne dass er fettleibig ist. Seine hellen Augen und sein hellbraunes Haar, eingebettet in ein kantiges, langes Gesicht und vervollständigt durch einen ausgeprägten Bart, der seinem Antlitz eine gewisse Härte verleiht, wenn er nicht gerade ein geselliges Grinsen auf den Lippen trägt, wie in eben diesem Moment. Seine Stimme gleich einem Orkan, wenn er sie über das Deck schallen lässt, tief und auch röhrig wie ein Horn. Auch viele der anderen Männer an Bord tragen diesen Stolz an und in sich, was ihr bereits des Öfteren aufgefallen ist. Die geführte Sprache, geäußerten Worte sind oftmals hart, jedoch stets von erfrischender Ehrlichkeit und so mancher Satz hat Estelle bisweilen ein heimliches Lachen entlockt, wenn sie von Zeit zu Zeit einige Fetzen der Gespräche unter den Nordmännern aufgeschnappt hat.
Mutter Frederika würde dazu wohl missbilligend ihre feinen Augenbrauen heben, doch Estelle fühlt sich ganz und gar nicht unwohl dabei. Eher befreit, dass es ihr nun ebenfalls möglich sein wird, ihre Worte und Sätze freier zu gestalten. Und wenn eine ganze Mannschaft, bestehend aus Nordmannen von unterschiedlicher Herkunft, derart offen und herzlich auf sie wirken, dann kann Alaric’s Familie unmöglich vollkommen davon abweichen. So sind es auch heute die offenen, unverfälschten Worte von Galthor, die Estelle eine Ruhe über ihr Wesen legen und sie sich entspannen lassen. Ihrem Instinkt folgend, beugt Estelle sich zu Galthor vor und setzt einen freundschaftlichen Kuss auf dessen bärtige Wange. Dieser strahlt sie daraufhin an und verbreitert sein Grinsen noch einmal.
„Will ich wissen, wofür der jetzt war?“, fragt er sie dann auch, bevor er brummiges Lachen seine Kehle verlässt.
„Ach Galthor, ich kann Euch einfach gut leiden und sehe in Euch einen Freund, der stets und immer da ist, wenn Zweifel an und in mir nagen.“
„Aye, Kleines, dann ist doch alles im Lot und nicht anders soll’s sein.“

Ein gutmütiges Lächeln trifft Estelle noch, bevor Galthor sie wieder ihren Gedanken und dem Spähen überlässt, sich selbst seinen Aufgaben widmet.

Einige Wellenschläge lang verharrt Estelle weiter am Bug, ehe es sie in Alaric’s Nähe zieht und sie ihren Aussichtsplatz verlässt, sich auf den Weg zu ihm ans Steuer macht. Er bemerkt sie bereits, als sie noch mehrere Fuß von ihm entfernt ist. Sogleich tritt ein Lächeln auf sein markantes Gesicht, als er ihr dazu noch ein verschmitztes Zwinkern zuwirft, während er ihre Gestalt mit anerkennendem, fast wölfischem Blick in Augenschein nimmt.
Estelle hat sich mit der Kleidung für die Übungskämpfe angefreundet, trägt sie nun öfter, als nur während des Trainings mit Torben. Juna hat die Kleidung mit Estelle zusammen noch ein wenig vervollständigt, damit sie auch den kalten Winden und dem rauen Klima widersteht, ihrer Trägerin die körpereigene Wärme erhält. Die Sachen stehen ihr ausgesprochen gut, unterstreichen ihre zarte, frauliche Figur, wie Alaric wieder einmal feststellt. Auch die anerkennenden Blicke der Männer aus seiner Mannschaft entgehen ihm nicht, deren Weg Estelle auf dem Weg zu ihm kreuzt. Sie hat sich in den Tagen auf See wahrhaftig noch einmal die Anerkennung vieler Nordmänner verdient. Es ist ihre wohlwollende Art, ihr sanftes und zugleich entschlossenes Wesen, das die Männer für sie einnimmt, sie in ihren Bann zieht. Seit sie sich zudem entschlossen hat, sich im Kampf unterweisen zu lassen, hat sie sich zusätzlich den Respekt der Nordmänner verdient.
Inzwischen ist Alaric davon überzeugt, dass jeder Mann an Bord sein Leben für das seiner Frau geben würde, wie sie sich umgekehrt auch für jeden von ihnen einsetzen würde. Erneut geht ihm in diesem Zusammenhang durch den Kopf, wie uneigennützig Estelle für Torben einstand und ihn verteidigte, als Alaric mit ihr wegen ihres Kampftrainings in der Kabine die Aussprache hatte. Selbst Meinungsverschiedenheiten mit Estelle haben ihren ganz eigenen Charme, bereiten ihm Wonne und Vergnügen, sie gemeinsam mit ihr aus dem Weg zu räumen, auch wenn das beizeiten länger dauert.
Wahrlich, er kann sich keine geeignetere Frau an seiner Seite vorstellen. Die Entwicklung ihrer Persönlichkeit die sie durchschreitet, seit sie von der Gemeinschaft der Wyrd getrennt ist, fasziniert ihn inzwischen fast Tag und Nacht, zeigt ihm vertraute und neue Seiten an seiner Gefährtin, mit denen sie ihm so oft und wahrscheinlich auch gern den Kopf verdreht, was er nicht minder genießt. Alaric ahnt nicht, dass Estelle ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, jedoch auf ihn bezogen.


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Mittwoch, 29. Mai 2019, 12:32

XXXV - Am Rand des Himmels Teil 2


So lange scheint es her, dass sie Alaric zum ersten Mal gesehen hat. Vom Kampf gezeichnet, gehalten von den Klauen des Todes, die sich fest um ihn schließen und mit sich nehmen wollten. Das erste Mal, als er dann seine Augen öffnete und sie den Sommerhimmel in diesem unendlichen, strahlenden Blau sah. Es war wohl der Moment, in dem ihm bereits ein Teil ihres Herzens zuflog, ohne dass sie es hätte verhindern können. Der erste Kuss von und mit ihm, nach dem er sie bat mit ihm zu gehen, an seiner Seite zu bleiben. Keine Aufgabe schaffte es, ihn von ihr zu entfernen, ihn sein Vorhaben, sie zu seiner Gefährtin zu machen ins Wanken brachte. Geduldig, zielstrebig und wagemutig hatte er sich allem gestellt, was zwischen ihn und ihr auftat.
Aufrecht, groß und unübersehbar präsent steht er am Heck des Schiffes, navigiert die Nordstern mit einer Gelassenheit, als hätte er in seinem jungen Leben nie etwas anderes getan. Entgegen vieler seiner Männer ziert kohlschwarzes Haar sein Haupt, das Juna - auf seine Bitte hin - auch weiterhin kurz hält; ebenso im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden, die ihr Haar gerne auch bis zu den Schultern hin tragen. Sein stehender Kurzbart wirft einen leichten Schatten auf Wangen und Kinn, betont dabei seine männlich-markante untere Gesichtskontur und entlockt Estelle ein wohliges Seufzen, lockt ihren Blick hin zu seinen nicht weniger attraktiven Körper und zu seinen Armen, deren Muskelspiel gerade deutlich sichtbar wird. Leicht errötet sie, als dieser Anblick von Alaric ihre Gedanken zu intimeren Erinnerungen mit und bei ihm wandern lassen. Unbewusst gleitet ihre Hand dabei zu ihrem Leib und als wäre Alaric dies nicht entgangen, als könne er ihre Gedanken lesen, trifft sie ein Zwinkern von ihm. Dieser Mann hat nicht einfach nur ihr Herz erobert, er vervollständigt es und lässt jeden einzelnen Schlag zu einer Bedeutung werden.
Sie nimmt die letzte Hürde, die sie von ihm trennt – die Treppe, die zu ihm herauf ans Steuerrad führt und stellt sich zu ihm. Ihre Wange an seine Schulter bringend, legt sie ihre Hand auf die seine, die er auch sogleich umschließt und für diesen Moment mit ihr gemeinsam die Nordstern durch die Wellen steuert.

Fenrik hat es an den Bug des Schiffes gezogen. Nah an dem mächtigen Drachenkopf, der das Schiff am Bug als Leit- und Schutzfigur ziert, steht er fast reglos da. Seine Hand umschließt das Amulett. Dieses trägt er gerade jedoch nicht um den Hals, sondern hält es fest umschlossen in seiner ausgestreckten Hand. Wenn er sie jetzt öffnet, dann würde es in den Fluten versinken, vielleicht für alle Ewigkeit in der Tiefe des Meeres ruhen. Stattdessen umklammern seine Finger das Schmuckstück jedoch fester, schließt er für einen langen Moment die Augen. Eisblaue Augen, umrahmt von einem Lächeln das eigentlich von sinnlichen Lippen kommt, jedoch auch eben diese unglaublichen Augen erreicht und ihnen ein Strahlen verleiht, das nicht von dieser Welt scheint. Selbst der Wind in Fenrik’s Ohren beginnt sich zu wandeln, immitiert mit einem Mal die leicht rauchige Stimme einer ganz bestimmten Hexe. „Ich werde dich nie vergessen, Krieger!“, ist der Satz, den ihm der Wind noch einmal in die Ohren säuselt. Fenrik presst seine Lippen aufeinander. Seine Hand bewegt sich von über den schäumenden Wellen weg. Er öffnet die Augen, ebenso seine Hand und betrachtet noch einmal das Amulett, bevor er es wieder um seinen Hals legt und unter sein Hemd legt, knapp über seinem Herzen. Sie wird immer ein Teil von ihm sein und ebenso die Gefühle, die sie mit und zu ihm geteilt hat. Doch hat sie ihm auch etwas genommen, das für ihn und alle Ewigkeiten verloren bleibt: Einen Teil seines Herzens.

Auch Torben und Marius hat es an Deck verschlagen. Wie Vater und Sohn stehen sie an der Reling der Nordstern, werfen ihre Blicke voraus zu dem Land, dem sie sich Seemeile um Seemeile annähern. Torben’s Nasenflügel blähen sich auf, als hätte er die heimatliche Luft viel zu lange vermisst. Marius‘ Blick liegt länger auf ihm, zeugt dabei von Respekt, Zuneigung und schier grenzenlosem Vertrauen in den Älteren, der kurz darauf seinen Arm um die Schultern des Jungen legt.
„Nicht mehr lange und wir betreten Heimaterde.“, kommen die leisen Worte passend dazu von Torben. „Dann lernst du unser Heim kennen und bekommst ein Zuhause, mein Junge.“
Er sieht nicht, dass Marius nach dieser Aussage schwer schluckt und den Kopf senkt, damit ihm niemand ansieht, dass er gegen aufsteigende Tränen des Glücks ankämpfen muss. Spüren kann Torben jedoch, dass sich die schmächtige Gestalt des Jungen danach enger an ihn drängt – dankbar und hoffnungsvoll, endlich eine Zukunft für sich sehend und das an der Seite des Kriegers, der für ihn in der Kürze der Zeit mehr Vater, Mentor und Lehrer war, als jemals ein anderer Mensch zuvor. Torben ist es, der Selbstbewusstsein und Lebenslust in die Mimik und Gestik des Jungen zaubert.
Initiiert von Alaric, wurden die beiden zusammengeführt, um sich scheinbar gegenseitig etwas zu schenken, was ihnen abhanden gekommen war: Den Schutz, die Liebe und das Miteinander einer kleinen Familie.

Fast gemütlich, desinteressiert an den Gedanken ihrer Passagiere und Mannschaft, folgt die Nordstern unterdessen den Anweisungen ihres Kapitäns, durchpflügt stetig die Wellen und teilt das Meer vor sich, um sich ihrem Heimathafen zu nähern. Das Pfeifen der aufgeblähten Segel, das anheimelnde Knarzen der Planken gesellt sich zum Rauschen der Winde auf dem Meer hinzu, dem sich nun bereits das Aroma von Himmelsrand beifügt. Das alte Mädchen der Meere scheint die einzige zu sein, die keine neuen Erfahrungen mit sich trägt. Ihr Zuhause, ihre Bestimmung sind das Meer und die Verantwortung, die auf ihr reisenden Männer und Frauen wenn möglich sicher dorthin zu bringen, von wo aus sie jede Reise beginnen: Der Hafen von Windhelm.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau