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Montag, 10. August 2020, 23:27

Goldschimmernde Schattenspiele

Irrungen und Wirrungen eines Altmers auf Vvardenfell (und in anderen schattigen Ecken Tamriels).

[Spaceholder für eine kurze Zusammenfassung - wenn ich mal die Muße dazu habe :P ]

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Montag, 10. August 2020, 23:36

Vivec Stadt, Vvardenfell
Mitte Herbstsaat 2Ä588

Die Suche des Schattens



Die letzten Strahlen des Magnusrunds küßten die fernen Ufer von Steinfälle, als eine einsame Gestalt über den oberen Außengang des Hl.-Delyn-Kantos huschte.

Im verzweifelten Versuch, dabei möglichst unauffällig zu verbleiben, erreichte der Fremde zwar genau das Gegenteil - aber glücklicherweise beschränkten sich die abendlichen Aktivitäten der Stadt des Kriegerpoeten auf andere Orte, sodaß er doch ungesehen an der abgerundeten Tür ankam, die das Ziel seines kleinen Ausflugs darstellte.

Und dort ... verharrte er erst einmal unschlüssig.

Sein ursprünglicher Plan, seine Bestrebungen direkt in Balmora umzusetzen, hatte sich vor kurzem in Luft aufgelöst. Auf seiner Suche nach einem entsprechenden Gebäude war er dreimal quer durch die Stadt geirrt, ehe sich ein sichtlich amüsierter Dunmer des armen n'wah angenommen und ihm den rechten Weg gewiesen hatte.

Und schnell hatte sich das Mißverständnis aufgeklärt - er hatte das entsprechende Haus nicht gefunden, weil es schlicht kein Haus gab. Dort stand sie, die gesuchte Person, nicht von den irdenden Mauern eines Gebäudes umgeben, sondern im Schatten eines einfaches Marktstandes. Mitten im Blickfeld aller Umstehender, und damit ... für Fyre vollkommen unbrauchbar.

Also hatte es doch ein Besuch in den Kantons Vivecs werden müssen. So sehr der junge Mer auch gehofft hatte, sich von der noch immer im Bau befindlichen Stadt fernhalten zu können, blieb ihm wohl nicht viel anderes über, wollte er seinen Plan in die Tat umsetzen.

Nun, da er an seinem Ziel angelangt war und nur noch die Hand nach dem Griff ausstrecken mußte, begannen sich doch langsam Zweifel in ihm breitzumachen. Was, wenn ihn jemand beobachtete? Wenn ihn jemand erkannte, ihn den Ordinatoren vorwarf - oder was auch immer man mit Leuten wie ihm hier tun würde?

"Falsche Gilde ..." Der großgewachsene Mer zuckte erschrocken zusammen und wirbelte leise aufquiekend herum, um eine schmunzelnde Nord als Quelle der unerwarteten Worte auszumachen. Trotz der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze war der verwirrte Ausdruck auf den ebenmäßigen Zügen wohl dennoch deutlich zu erkennen, denn die sichtlich amüsierte Menschenfrau deutete auf das rotunterlegte Wappen neben der Tür. "Kriegergilde. Heimlichkeit ist nicht unser Steckenpferd."

Der halb verhüllte Altmer ließ langsam seinen Blick in die angedeutete Richtung wandern - und dann, als er endlich verstand, beeilte er sich die Hände abwehrend anzuheben. "Nein! Nein ..." versuchte er in blumigen Worten den Umstand zu umschreiben, daß es sich hier um ein Mißverständnis handelte. Und dann fügte er noch eilig hinzu, falls das Wort noch nicht bei ihr angekommen sein sollte: "Nein!"

"Doch ..." Die blondgelockte Kriegerin lachte schallend auf, sichtlich angetan davon, den armen Jungspunt noch ein wenig zappeln zu lassen. "Kriegergilde. Ganz sicher, Jungchen."

"Nein, ich ... meine ..." Unter einem tiefen Aufseufzen streckte Fyre den Rücken durch und nahm so zumindest die Andeutung einer würdiger Haltung an. "Mein Weg führt mich tatsächlich an die Pforten der Kriegergilde. Bitte entschuldigt mein ungewöhnliches Betragen, ich ... war nur verunsichert."

"Soso, doch ein Goldelf", kommentierte die Nord seine Rückkehr zu halbwegs zusammenhängender Sprache, während sie sich ungeniert an ihm vorbeidrängte und nach dem Türgriff langte. "Dann komm doch mal mit rein und erzähl Mutti, wo der Schuh drückt."

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Rae (11.08.2020), Aykami (11.08.2020), Taleey (11.08.2020)

3

Dienstag, 18. August 2020, 23:46

[An dieser Stelle eine der allseits beliebten Warnungen für die nächsten zwei drei vier füng Einträge. Kann an einzelnen Stellen medizinisch explizit werden. Möglicherweise leichte Anwandlungen von Blutmagie/Nekromantie. Ganz sicher Kraftausdrücke. Kein Sex, sorry. :P ]

Räuberlager an den Ufern des Amayasees, Vvardenfell
Mitte Herbstsaat 2Ä588

Anatomie



"Gute Arbeit, Rekrut." - "Verhätschel den Kleinen nicht." - "Spuckst ja große Töne mit deiner schicken Armschlinge." - "Fick dich, Soram!"

Die Stimmen seiner 'Kameraden' drangen nur als gedämpftes Wirrwar an Fyres Aufmerksamkeit, ruhte jene doch auf den rotbesudelten Tüchern in seinen Händen. Blut des verwundeten Gildenkriegers zum größten Teil, vermutlich auch ein paar Blutspritzer der Leichen, welche die Räumlichkeiten weiter hinten verunzierten. Kein allzu besorgniserregender Anblick für einen Feldscher.

Es war aber auch weniger der rote Lebenssaft, der die Gedanken des maskierten Altmers nicht ins Hier und Jetzt zurückkehren ließen, sondern schlicht die Unsicherheit, ob er mit seinem Plan fortfahren sollte. Sein erst frisch erworbener Platz in der Gilde stand auf mehr als wackligem Fuße, vor allem seit er die Brauchbarkeit seiner Kampffertigkeiten durch die Erklärung geschmälert hatte, daß er nie ein Leben genommen hatte und diesen Umstand nach Möglichkeit auch nicht ändern wollte.

Nun auch noch hinter dem Rücken seiner Kameraden semi-illegale Aktionen während eines Auftrags auszuführen ... hatte auf dem Papier deutlich besser geklungen, als es sich in der akuten Situation anfühlte.

"Rekrut. Ey, Goldbratze!" Der gedämpfte Schlag auf den Hinterkopf verscheuchte schließlich die düsteren Gedanken und der junge Altmer richtete den Blick fragend zu dem bulkigen Einheimischen hoch, welcher mit durchaus genervter Mimik über dem knienden Rekruten emporragte. "Pack deine Sachen, wir sind fertig hier."

"Mh ..." Zeit der Entscheidung. Seine Heilertasche zusammenpacken und mit den anderen nach Vivec Stadt zurückkehren, brav seine Arbeit erledigen, bis er endlich die nötige Summe zusammengerafft hat, um sein Ziel in Gnisis weiter verfolgen zu können? Und damit ... den Eid brechen, den er geleistet hatte? "Ich würde ... noch etwas hier verweilen, um mich um die Verblichenen zu kümmern."

Ein knappes Auflachen von weiter hinten begleitete den mäßig begeisterten Ausdruck in Sorams glutroten Augen. "Willst du den fetchern noch einen kleinen Schrein bauen, ihn mit hübschen Blümchen dekorieren und deinen Lichtgötzen um sicheres Geleit für ihre geschundenen Seelen anbetteln?" Die trocken gesprochenen Worte ließen die Stimme aus dem Hintergrund nochmals lauthals auflachen, und am Rande seiner Wahrnehmung entgingen Fyre auch die abfälligen Blicke der restlichen Mitglieder seiner Truppe nicht.

"Die Körper sollten entsorgt werden, bevor wilde Tiere oder son..."

"Nicht unsere Aufgabe", unterbrach ihn der Dunmer unwirsch und schnappte sich eine der beiden Taschen mit der 'Beute' - die gestohlenen Glaubensgegenstände, welche sie nach Sicherung des Ortes im Tempelkanton abliefern sollten.

"Nicht als Gilde ... aber doch meine als Heiler, Sera." Ein wenig hilflos mußte er mitansehen, wie der Dunmer sich ohne weiteren Blick auf den goldfarbenen Rekruten gen Tür wandte und durch jene nach draußen verschwand. Nach und nach folgtem ihm die übrigen Kameraden, als der junge Goldelf jedoch schon resigniert folgen wollte, legte ihm der letzte Krieger eine kräftige Hand auf die Schulter.

"Mach nicht zu lange, Kleiner", gab er unter einem gutmütigen Brummen von sich, ehe er seinen Anteil an Traglast hochhievte. "Du findest alleine zurück nach Vivec?"

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »Nathrai« (21. August 2020, 15:33)


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Aykami (19.08.2020), Taleey (19.08.2020), Rae (06.10.2020)

4

Mittwoch, 19. August 2020, 05:42

Die Stille im Inneren der nunmer verlassenen Unterkunft war erdrückend. Nichts rührte sich, wo vor Kurzem noch das Lachen der Banditen die Räumlichkeiten erfüllt hatte, wo wenig später Kampfeslärm getobt hatte, und am Ende nur noch die zufriedenen Stimmen der Gildenkrieger zu hören gewesen waren.

Goldene Augen wanderten aufmerksam über die leblosen Gestalten, zwischen welchen der Altmer sich vorsichtig einen Weg bahnte. Die Auswahl des richtigen Körpers machte einen nicht geringen Teil seiner Erfolgschancen aus, auch wenn die Arbeit seiner Kameraden dieses Unterfangen erheblich erschwert hatte. Jene Dunmer beispielsweise, die ein Hieb der wuchtigen Axt direkt in die Kehle getroffen hatte, war durch die großflächigen Verletzung im Halsbereich vollkommen unbrauchbar geworden.

Den Nord schloß er ebenfalls kategorisch aus - zu groß der Unterschied nicht nur in der Hautfarbe, sondern vermutlich ebenso der generellen Physiologie. Ein weiterer Dunmer wies großflächige Verbrennungsnarben auf, welche sich von der rechten Wange bis hinab zu dessen Hüfte zogen, was ihn für das Vorhaben des Altmers ebenso wenig akzeptabel machte.

Der junge Mer ging neben einer Gestalt in die Hocke, welche durch einen sauberen Stich eines Schwertes ums Leben gekommen und an einer der kahlen Wände zu Boden gerutscht war. Die dunkelgraue Haut machte es beinahe unmöglich, den Verlauf der Totenflecken zu erkennen, doch war klar, wo sich Blut und sonstige Körpersäfte dank der sitzenden Haltung angesammelt hatten: Gesäß, Beine, Hände. Kopf, Hals und Oberkörper sollten somit frei von störenden Flüssigkeiten sein.

Behutsam streckte der Goldelf eine Hand nach dem Verstorbenen aus, um an verschiedenen Stellen dessen Körpertemperatur abzuschätzen. Er hatte während der Versorgung der Wunde seines Kollegen sämtliches Gefühl für Zeit verloren und war sich nun unsicher, wie lange der Kampf nun tatsächlich zurücklag. Die warme, trockene Luft, die der Rote Berg diesem Landstrich verpaßte, erschwerte ihm ein wenig die Einschätzung, mit welcher Geschwindigkeit sich die Körperwärme den Umgebungstemperaturen anpaßte - doch schätzte er die verstrichene Dauer auf etwa ein bis höchsten zwei Stunden.

Gut, damit sollte genügend Zeit für sein Vorhaben verbleiben.

Danach wanderte die tastende Hand erst hinauf zur Augenpartie des Toten, um die Beweglichkeit der Muskeln dort zu prüfen. Weiter hinab zum Kiefer, dann zum Hals. Sein Verdacht bestätigte sich, daß sich die Totenstarre bislang auf minimalste Anzeichen an den Lidern beschränkte, während der Rest der Muskulatur noch nicht an Beweglichkeit eingebüßt hatte.

"Porade Dakeipa... Rekude Taderi", hauchte er ungemein sachte hervor, als fürchte er, mit lauteren Worten die Ruhe der Verschiedenen zu stören. Feine, knisternde Eiskristalle begannen sich auf der goldenen Haut zu formen. Die auf den Toten übergehende Schicht aus kühler Luft hingegen zeigte keinerlei solche Anzeichen. Viel zu vorsichtig war der Fluß der Magicka dafür auch gewählt, denn Sinn des Ganzen war es keineswegs, die empfindlichen Überreste durch zu starke Kälteeinwirkung zu schädigen. Einzig das Fortschreiten der Totenstarre sollte sie für die Dauer seiner Arbeit verhindern.

Der Transport des Dunmers sollte sich als deutlich komplizierter herausstellen, als der Rekrut angenommen hatte. Die meisten seiner Erfahrungen mit dem Verschieben von Leichen beschränkten sich auf Exemplare, deren Muskeln bereits gänzlich ihre Beweglichkeit eingebüßt hatten. Der schlaffe Körper hingegen war ähnlich schwer in eine gut zu transportierende Position zu bringen wie der eines Bewußtlosen, und es kostete ihn mehrere Anläufe, ehe er den Dunmer endlich auf den massiven Eßtisch verfrachtet hatte.

Mehrmals umkreiste er diesen, unschlüssig, von welcher Seite aus er sein Vorhaben ansetzen sollte. Schließlich bemühte er sich darum, den Körper so weit nach oben zu ziehen, daß dessen Haarschopf ein kleines Stück über den Kopf des Tisches hinausragte und er so von drei Seiten Zugang zum Hals des Dunmers hatte.

Seine Heilertasche fand Platz auf einem der Stühle, den er in bequemem Abstand zum Tisch abstellte. Neben seinem Satz scharfer Messer waren es eine frisch angefertigte Kladde und ein Kohlestift mit Holzgriffel, die er aus den Tiefen der Tasche fischte und nebem dem Toten auf dem Tisch ausbreitete. Dazu eine Auswahl von Tüchern unterschiedlicher Feinheit, eine Reihe kleiner Fläschchen mit unterschiedlichen alchemistischen Präparaten und ein Stück Kreide zum Zeichnen von Fokusrunen.

Ein letzter Blick in die Runde, die grausame Szenerie aus zerborstener Einrichtung und leblosen Körpern, ehe er alles um sich herum ausblendete und sich gänzlich auf sein Vorhaben konzentrierte. Auf jenen Teil seiner Ausbildung, dem er in einem vorherigen Leben kategorisch den Rücken zugekehrt hatte.

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Aykami (19.08.2020), Taleey (19.08.2020), Rae (06.10.2020)

5

Donnerstag, 20. August 2020, 17:04

Fyres Zungenspitze bleckte kurz über die trockenen Lippen, während er den Blick erst zurück auf die Gestalt unter ihm richtete und dann hinüber zur Kladde wandern ließ. Mit leicht bebender Hand schlug er den ledernen Einband zurück, um die oberste lose Seite zu entblößen - eine anatomische Zeichnung des Halsbereiches, vom Unterkiefer bis hinunter zum Schlüsselbein. Nicht annähernd so detailliert, wie ihm lieb gewesen wäre, aber das Beste, das seine Privatsammlung zu bieten hatte.

Ein Handstreich beförderte das Blatt neben die Kladde, um eine weitere Zeichnung darunter zum Vorschein zu bringen. Eine selbst angefertigte Skizze, die ihm als Vorlagen dienen sollte.

Eines der Fläschchen wurde aufgeschraubt und einer seiner Künstlerpinsel in den pechschwarzen Inhalt getaucht. Sorgsam setzte er die Spitze auf die gekühlte Haut des Toten auf, um mit langsamen, bewußten Bewegungen Linien auf das Aschgrau aufzutragen. Seine Zeichnung diente ihm dabei als Anhaltspunkt, an welchen Stellen er die schwarze Tinte anzubringen hatte.

Behutsam hob er den leblosen Kopf von der Tischplatte, um auch auf der Rückseite des Halses seine Markierungen anzubringen, auch wenn ihm mit jedem Pinselstrich mulmiger zumute wurde. Immer wieder mußte er die Borsten in das Tintenfläschchen tauchen, und mit jedem Mal wurde ihm umso bewußter, wie groß die Fläche tatsächlich war, welche er gerade absteckte.

Viel zu großflächig ...

Wieder wurde das oberste Blatt zur Seite geschoben, um diesmal ein noch jungfräulich unberührtes freizugeben. Er bettete den Kohlegriffel darauf und griff dann unter einem tiefen, vor Nervosität leicht rasselnden Atemzug nach dem Ledermäppchen, in welches seine Messer eingerollt waren. Eines der etwas größeren löste er aus der entsprechenden Halterung, mit breiter Klinge aber recht zierlichem Griff, der ihm bei der Arbeit an flachen Stellen nicht in die Quere kommen würde.

Die frisch geschärfte Schneide des Werkzeugs glitt an einer der schwarzen Linien entlang, durchtrennte die aschfarbene Haut darunter mit einer Leichtigkeit, die ihn schon befürchten ließ, er könnte zu tief nach unten schneiden. Doch mit behutsamem Druck hielt er den Schnitt gerade tief genug für sein Vorhaben. Etwa eine Handbreit arbeitete er sich voran, um dann einen parallen Schnitt an der unteren Tintenlinie anzusetzen.

Schließlich verband er beide mit jeweils quer gesetzten Verbindungslinien, ehe er die Klinge flach darunter schob, um das annähernd rechteckige Stück Haut vom Rest des Körpers abzulösen.

Wie erwartet hatte die Hypostase dafür gesorgt, daß Blutgefäße und Muskelstränge an dieser Stelle frei von Flüssigkeiten waren, weshalb das freigelegt Fleisch gut sichtbar blieb, statt unter einer hervorsickernden Schicht aus Blut und Muskelsaft zu verschwimmen. Das Wissen aber, daß bei einem lebenden Körper genau dies geschehen würde, und wohl in nicht geringer Menge, ließ ihn nochmals resigniert aufseufzen.

Viel zu großflächlich. Die aufgezeichneten Linien waren viel zu großflächig.

Nachdem er den Hautlappen auf eines der Tücher gebettet hatte, stützte er sich mit dem linken Unterarm auf dem Tisch ab und unterzog die freigelegten Stelle einer näheren Begutachtung - nahe genug, daß seine Nasenspitze bereits den kühlen Luftstrom erahnen konnte, den er um den Körper gelegt hatte. Gefäße, Muskelstränge - behutsam betastete er die hautlose Stelle dabei, um die Einzelheiten noch deutlicher ausmachen zu können.

"Ode Okoma ..." hauchte er dem dunmerischen Fleisch entgegen, eine von einem kribbelnd zarten Magickafluß unterstützte Anweisung an das Gewebe, die natürliche Selbstheilung fallenzulassen. Die Reste verweilenden Lebens zu unterbinden, um deren Existenz er nur allzu gut bescheid wußte, hatte er jene doch einst Verstorbenen entzogen, um damit das Leben anderer zu bewahren.

Zitat

Je länger ein Körper unbelebt verbleibt, desto weniger Kontrolle hat sein ehemaliger Bewohner über die Leiche. Ein Geist kann tagelang an seine Überreste gebunden bleiben, sogar Wochen oder Jahre ... Je kürzer man wartet, desto wahrscheinlicher ist es, dass noch eine geistige Verbindung besteht.

- Über die Nekromantie (Ein Auszug)


Der junge Feldscher versuchte den Gedanken an die vermutete Ursache für das schwelende Restleben in die hinterste Ecke seines Bewußtseins zu verbannen, nicht weiter darüber nachzudenken, daß er womöglich das Wirken eines noch immer an den Körper gebundenen Geistes gewaltsam unterdrückte, um weiter an seinem Vorhaben festzuhalten.

Zitternde Finger glitten über die Ansammlung aus Muskel- und Fettgewebe, hinterließen unter bebend hervorgehauchten Anweisungen eine glatte Oberfläche dort, wo sie das Fleisch des Toten berührten. Nicht nur die Blutgefäße wurden so versiegelt, sämtliche Zwischenräume verbanden sich unter einer festen Membran unnatürlich formloser Fleischmasse, als würde eine neue Haut darüber liegen.

Bei lebendem - tatsächlich noch lebendem, nicht dieses trostlose Faksimile einer nachglimmenden Seele! - Gewebe würde ihm keineswegs die Zeit verbleiben, das Fleisch derart gründlich zu formen. Hier aber, in der morbiden Einsamkeit des einstigen Räuberunterschlupfes, mit einem vom Großteil seiner natürlichen Vorgänge befreiten Körper, konnte er Stück für Stück vorgehen, ein Gefühl für seine Tätigkeit entwickeln.

Das Zusammenspiel von Magicka und nur langsam absterbender Materie bis ins kleinste Detail studieren.



[Sorry, dat wird irgendwie länger, als ursprünglich angenommen ... na, eins geht noch :D ]

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Aykami (21.08.2020), Rae (06.10.2020)

6

Freitag, 21. August 2020, 15:49

Die Spitze des Kohlegriffels huschte kratzend über die Seite des vormals unbeschriebenen Blattes, um in Windeseile Aufzeichnungen zu seinen Beobachtungen zu notieren. In arkaner Hinsicht waren seine bisherigen Erkenntnisse recht zufriedenstellend, insgesamt aber war es weiterhin eher Sorge, welche ihn als flaues Gefühl in der Magengrube dominierte.

"Nächster Schritt ..." murmelt er mit Blick auf den leblosen Dunmer, während er den Griffel wieder zur Seite legte und erneut nach dem Messer tastete. Schließlich stand er erst am Beginn seines Vorhabens, und trotz der kühlen Luftschicht würde ihm nicht ewig Zeit dafür bleiben, ehe der natürliche Zerfall unerbittlich seine Pläne durchkreuzen mochte.

Zuerst aber galt es zu versuchen, die Fleischformung rückgängig zu machen - ein Konzept, welches ihm bisher nur in der Theorie vertraut war. An dieser Stelle kam ihm die restliche Lebensenergie des Leichnams durchaus entgegen, um nicht etwa gegen das natürliche Gefüge arbeiten zu müssen, sondern sich gänzlich darauf verlassen zu können, daß der Körper den Idealzustand selbst wiederherzustellen versuchte.

Mit behutsamer Sorgfalt brachte er die Fokusrunen rings um das freigelegte Gewebe an, um dann den zartesten Hauch von Magicka hindurchzuschicken. Es würde seinerseits nicht viel davon bedürfen, denn seine Erfahrungen zeigten, daß körpereigene magische Energien in solchen Situation weitaus effizienter wirkten als von außen zugeführte.

Ihm stand zwar dank der Flüssigkeitsabsenkung kein Blut in zufriedenstellender Menge und Aufbereitung zur Verfügung, doch hatte sich der Begriff 'Blutmagie' ohnehin als irreführend herausgestellt. Der rote Lebenssaft mochte die höchste Konzentration aufweisen und entsprechend unkomplizierter anzuzapfen sein, doch war die benötigte Lebenskraft auch in jedem anderen Teil des Körpers zu finden.

Und eben jener bediente er sich, als er sorgsam das Muster des Zaubers zu weben begann, seine eigene Magicka lediglich als Katalysator nutzend.

"Odra Okoma", wies der den reglosen Leichnam an, sich langsam wieder in den Ursprungszustand zurückzuversetzen, die Reste dunmerischen Lebens als Energiequelle dafür nutzend. Die Reaktion des Körpers setzte ein wenig zeitverzögert ein - ein Umstand, welchen er im Anschluß unbedingt verzeichnen mußte - nur um dann umso rascher die unnatürliche Membran aufzulösen und erneut in gesundes Muskelgewebe umzuwandeln. Der junge Mer konnte sich eines selbstzufriedenen Schmunzelns nicht erwehren, als sich der erste Versuch bereits als Erfolg abzeichnete, Muskelfasern und Blutgefäße anstandslos wieder in ihren Ursprungszustand zurückkehrten.

Während er den Zauber löste und die Runen auf der grauen Haut verblassen ließ, wanderte der Blick schon über den nächsten Abschnitt seines markierten Bereiches. Ein Stück Haut an jener Stelle, wo seine anatomischen Kenntnisse ihn die Carotis vermuten ließen. Bis zu eben jener wollte er sich durch das Gewebe hindurcharbeiten, um Tiefe und genauen Sitz zu prüfen. Allerdings ...

Es war mehr ein unangenehmes Kribbel, das ihm die Härchen im Nacken zu Berge stehen ließ, denn wirklich eine bewußte Wahrnehmung.

Aus seinen Gedanken gerissen unterwarf er erst die Umgebung eines prüfenden Blickes, ehe er diesen zurück auf die rechteckige Wunde am Hals richtete. Die Veränderung war ursprünglich nicht wirklich auszumachen, die dünklere Färbung der angrenzenden Haut auf dem Grau kaum sichtbar. Erst als sich die ersten schwarzen Flecken auch auf dem freigelegten Gewebe abzeichneten, wurde der Umstand offensichtlich, daß etwas Unerwartetes mit dem Körper vor sich ging.

"Was ...?" Eine altmerische Augenbraue wanderte langsam in die Höhe, währen der junge Mer das Messer zurück auf den Tisch bettete und sich der besagten Stelle wieder zuwandte. Die jahrelang einstudierten Runen eines schlichten Erkenntniszaubers leuchteten kurz auf, um dann als Fokus in den goldfarbenen Augen zu versickern und ihm einen arkanen Blick auf die unerwarteten Vorgänge zu gewähren.

Sein Fehler wurde ihm mit grausamer Deutlichkeit bewußt, als er der behäbigen Überreste seines Regenerationszaubers gewahr wurde. Er hatte den Fokus gelöst und seine eigene Magicka zurückgezogenen, die dadurch ausgelöste Reaktion schien jedoch nicht gänzlich versiegt zu sein. Schon mochte man erste Versuche entlang der Wundränder beobachten, die dort entfernte Haut wiederherzustellen.

Interessant ...

Fyres Augenmerk aber legte sich zurück auf die dunklen Stellen, die nun selbst auf der Haut als schwarze Flecken auszumachen waren und sich mit langsam steigender Geschwindigkeit dort auszubreiten begannen, als der sich verselbständigende Zauber aus seiner ursprünglichen Dormanz erwachte. Dem Muster der Magickaströme folgend kam er auch recht schnell zu dem Schluß, daß die Flecken keineswegs Teil der Magiewirkung an sich waren, sondern ein Resultat der Energienutzung. Und sein Herz setzte für ein, zwei Schläge komplett aus, als ihm endlich bewußt wurde, was er da vor sich sah.

Nekrotisches Gewebe.


[Kurzfassen - ein Talent, das ich nicht besitze :whistling:
Sorry, der nächste Eintrag wird wirklich der Letzte.
Und ich hoffe, einer bestimmten Mitspielerin wird gerade etwas mulmig zumute ... :evil: ]

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Aykami (21.08.2020), Rae (06.10.2020)

7

Samstag, 22. August 2020, 14:19

"Nein ...", hauchte der Goldelf entsetzt hervor. Der fokussierten Führung des Magiers beraubt, war der Zauber dazu übergegangen, unkontrolliert Lebenskraft aus dem Körper zu ziehen, ungeachtet der Tatsache, daß er damit mehr Schaden verursachte als behob. Immer mehr Gewebe wurde durch den Entzug abgetötet, was gleichermaßen neue Ziele für die Regenerationswirkung verursachte, für die wiederum mehr Energie benötigt wurde. Eine Kettenreaktion, welche sich wohl fortsetzen würde, bis kein Leben mehr übrig war, das dem Körper entzogen werden könnte. "Neineineineineineineinein!"

Der Jungmer verfiel im Moment der Erkenntnis in Panik, daß er eben kurz davor stand, den Körper des Dunmers gänzlich zu verlieren. Hektische Blicke wanderten über die auf dem Tisch ausgebreiteten Gegenstände, ehe sich die zitternden Finger um die bereitgelegte Kreide schlossen und sich anschickten, die Tischplatte mit einem Kreis aus Linien und Runen zu versehen. Gegenmagie war nun wirklich nicht sein Fachgebiet der Mystik, und bis auf diesen schlichten Kreis der Aufhebung kam ihm kein anderer Zauber in den Sinn, um sein Versuchsobjekt noch irgendwie vor der sicheren Selbstzerstörung zu retten.

"Kedeko Makko! Kude Okori!" Es grenzte an ein Wunder, daß ihm sein eigener Zauber nicht augenblicklich um die Ohren flog, denn von Konzentration konnte in jenem Moment wahrlich keine Rede sein. Panisch zog er die kleine antimagische Kuppel hoch, mehr seinen Instinkten folgend als tatsächlich sein einstudiertes Wissen anwendend. Der Kampf im Inneren des Aufhebungsfeldes war für ihn selbst nur als beständiger Magickafluß spürbar, welcher in den aufgezeichneten Kreidekreis floß, um sich dort dem unerwünschten Effekt im Körper des Dunmers entgegenzustellen.

Die unkontrollierte Magie hatte sich während seiner hektischen Gegenmaßnahmen exponential ausgebreitet, weshalb auch der kleine Ritualkreis immer mehr Energie verschlang, bis sich dem panischen Mer ein überraschtes Aufjapsen entrang. Er konnte sich nicht erinnern, je selbst einen solch immensen Magickafluß erzeugt zu haben, und der Gedanke hinterließ ein mehr als ungutes Gefühl, gerade unter dem Gesichtspunkt, daß dieser im Moment alles andere als von Konzentration und Fokussiertheit geprägt war.

Daß bei seinem Aufhebungskreis tatsächlich etwas schiefgelaufen war, zeigte sich spätestens beim vollständigen Aufheben des ursprünglichen Zaubers - und daß damit keineswegs der Magickafluß unterbrochen wurde. Gierig sog das fehlgeschlagene Kleinritual weiter an den Vorräten des jungen Mers, bis dieser eilig die Verbindung auflöste und mit einer fahrigen Bewegung den Kreidekreis durchbrach.

Ihm blieb gerade noch genügend Zeit, die Arme schützend vor Kopf und Oberkörper zu ziehen und einen derben, bretonischen Fluch auszustoßen, ehe sich die außer Kontrolle geratene aetherische Energie in einem schrillen Surren entlud. Die Druckwelle erfaßte den Goldmer und schleuderte ihn gegen eine der Holzwände, wo er erst einmal einige Momente lang schnaufend verweilte.

"Molag Bals braungefleckte Arschhaare!" Irgendwo im hintersten Teil seiner Gedankenwelt beschwerte sich sein Schulterblatt schmerzhaft über den kräftigen Aufprall, begleitet von der ziehenden Pein im linken Bein, das ihm beinahe unter dem Körper weggeknickt wäre. Zumindest aber offenbarten ihm die mageren Überreste seines Erkenntniszaubers, daß sich beide fehlgeleiteten arkanen Gefüge restlos verflüchtigt hatten und es keine allzu trügerische Stille war, die sich langsam wieder über dem Unterschlupf ausbreitete.

Als Fyre schließlich zurück an den Tisch trat, war er auf einen mäßig zufriedenstellenden Anblick durchaus gefaßt, der Zustand des Leichnams aber entlockte ihm dennoch ein gequältes Aufseufzen. Während die letzte Entladung sich darauf beschränkt hatte, Brustkorb und Bauchbereich des Dunmers gewaltsam einzudellen, hatte tatsächlich die Wiederherstellung den gröbsten Schaden hinterlassen. Der Zerfall hatte sich über den Hals auf den gesamten Kopf ausgebreitet, auf der anderen Seite einen guten Teil des Oberkörpers erfaßt und auf einer Körperhälfte gar noch einen Teil des Armes mit ins Verderben gerissen.

Es waren weniger der Verlust größerer Mengen an Magicka, oder die körperliche Angeschlagenheit aufgrund des unsanften Aufpralls, die ihn seufzend die Ellbogen auf den Tisch stützen und die Stirn in die Handflächen betten ließen. Die resignierte Geste folgte vielmehr dem altgewohnten Muster aus geistiger Erschöpfung und ungezügelter Frustration, die mit jedem Fehlschlag einhergingen. Schließlich drängte sich mit dem Wegfall der akuten Anspannung auch die Erkenntnis in sein Bewußtsein, daß all das hier durchaus weniger glimpflich hätte ausgehen können.

"Der Ansatz war vielversprechend", raunte er sich selbst zu, um sich nicht wieder gänzlich in das Gefühl von Hilflosigkeit fallenzulassen. "Wer beim ersten Versuch nicht scheitert, verfällt in Hochmut und neigt dazu, unvorsichtig zu werden." Nicht, daß er sich selbst der Illusion hingab, er hätte die notwendige Vorsicht walten lassen ...

Der Lauf der Sonne näherte sich im Westen bereits den Felsen der Westscharte an, als sich die Eingangstür zum ehemaligen Versteck der Tempelräuber hinter dem hochgewachsenen Mer schloß. Die ersten Flammen züngelten bereits an den morschen Dachschindeln, sodaß bald nicht nur die Fauna des Landes um einen guten Leichenschmaus betrogen wurde, sondern auch neugierige Blicke niemals offenbaren würden, was an jenem Tag im Inneren des Unterschlupfs stattgefunden hatte. Einzig die akribischen Aufzeichnungen des Feldschers würden später noch davon zeugen können.

Sein Vorhaben aber würde wohl bis zum nächsten Gildenauftrag warten müssen ...

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Aykami (22.08.2020), Rae (06.10.2020)

8

Mittwoch, 16. September 2020, 14:09

[ Kleine Mini-Warnung. Bißchen visuelle Gewalt am Anfang und jede Menge religiöser Wirrwarr. ]

Der Betrunkene Guar, Taverne am Amaya See, Vvardenfell
In der Nacht des 15. auf den 16. Herdfeuer, 2Ä588

ALMSIVI



Der Boden war Sand, und der Sand war Asche, und die Asche lag rotglühend unter seinen Schritten.

Die Bandagen an seinen Beinen hatten sich gelöst, sodaß die Hitze ungestört an seinen halb verheilten Brandblasen zügeln konnte. Kein Schuhwerk schützte ihn diesmal vor der sengenden Glut, und doch fühlte er keine Schmerzen.

Genaugenommen fühlte er nichts als den dunklen, unbestimmten Terror, welcher sein Herz umschnürt hielt, als er auf die drei Pfähle zutrat. Mahnend ragten sie aus der Asche empor. Die abgetrennten, verkohlten Beine eines Dunmers verunzierten die beiden an den Seiten, während der mittlere den mutilierten Torso des Opfers gen schwarzen Himmel emporstreckte.

An der Spitze jenes dritten Pfahls steckte der Kopf, aber es war nicht der Kopf des Dunmers, welcher anklagend auf ihn hinabblickte, sondern das Gesicht einer Khajiit. Ausgezehrt, die Augen fahl und grüner Schaum sickerte aus Mund und Nasenlöchern hervor.

"Ihr habt getan, was Ihr tun konntet ..." sprach eine dunkle Gestalt am Fuße des widerlichen Mahnmals zu ihm, und es waren die rotleuchtenden Augen der Priesterin, welche ihn einen Moment später mit ihrem Blick durchbohrten. "Und es war nicht genug."

Der Kopf der Khajiit ging in Flammen auf, und alles was übrigblieb war der verkohlte Schädel eines Dunmers.

"Die Sinnbilder zeigen den Weg auf, ewige Wandlung. Akzeptiert, wer Ihr seid, aber gebt Euch niemals zufrieden mit dem, was Ihr heute sein könnt." Die Mehra neigte ihm den Kopf entgegen, und dann war sie verschwunden. Nur Ihre Stimme hallte noch in seinen Gedanken nach: "Das Ende aller Worte ist ALMSIVI."




Mafyremorion schlug die Augen auf und starrte zur Decke des kleinen Tavernenzimmers empor. Die Bilder begannen bereits zu verblassen, wie es Träume eben zu tun pflegen, doch das beklemmende Gefühl blieb ihm nur allzu deutlich erhalten.

Zitternd schwang er die Beine aus dem Bett - unberührt von Hitze und Flammen, die Brandverletzungen mittlerweile kaum noch mehr als verfärbte Haut, welche in den nächsten Wochen zum üblichen goldgelb verblassen würde. Dennoch bebten sie und vermochten ihn kaum zu tragen, als er sich hochdrückte, um nach seiner Tasche zu greifen.

Der Tod der Khajiit ließ ihn nicht los.

Er hatte gewußt, daß dieser Tag kommen würde, und er hatte das Glück gehabt, gleich zwei liebevolle Gefährten an seiner Seite zu haben, die ihn vor Dummheiten bewahrt hatten. Aber dennoch konnte er noch immer ihre Rippen unter seinen Handballen fühlen, den lebenlosen Körper, der die Bemühungen Kaj-Vos' und seiner selbst mit keinem neuerlichen Herzschlag belohnt hatte.

Und dennoch ... bei allem Schmerz war es nicht der Verlust selbst, der ihn am meisten erschütterte, als er im Halbdunkel seines Tavernenzimmers die Tasche an seine Brust zog und einen Moment lang überlegt. Vielmehr waren es die Reaktionen der Umstehenden, welche ihm eiskalte Schauer über den Rücken jagten.

Mitleidslose Aussagen, sie hätte es nicht anders verdient. Gelächter im Hintergrund. Verbote, der Sterbenden zu helfen. Anteilnahmsloses Schulterzucken und ... gemütlicher Tavernenplausch, als wäre nichts geschehen. Als hätte man nicht wenige Momente zuvor den leblosen Körper eines fühlenden, denkenden Wesens hinausgetragen, welches seine letzten Augenblicke in der unerbittlichen Panik des Erstickens zugebracht hatte.

Daß er den kleinen Flammenzauber, welcher ihm vor Monaten noch solche Schwierigkeiten bereitet hatte, mit einem Wink und einem beiläufigen "Rakeipa" zum Entzünden der Laterne genutzt hatte, verblieb als unbedeutender Nebengedanke, während er seine Kladde hervorholte. Er hatte keine Geduld, die entsprechenden Seiten einzeln hervorzukramen, sondern löste die Verschlüsse und ließ die einzelnen Blätter sich wahllos auf dem Boden verteilen.

"Ei - Bild - Mann - Gott - Stadt - Land." Seine Abschrift der 25sten Lektion der 36 Lehren wanderte auf die Seite, gefolgt von den kargen Informationsfetzen, welche er über die Stadt der Uhrwerke gesammelt hatte. Dazu ein Reisebericht über die Hauptstadt Deshaans und seine eigenen Skizzen zu den Kantonen im Süden Vvardenfells.

Zuletzt griff er nach jener Seite, auf welcher er die Worte von Ordinator Radasi niedergeschrieben hatte. "Die einzigen Götter, die ein Sterblicher anbeten sollte, sind sterbliche Götter." Seine Botschaft war klar gewesen, denn kein et'Ada würde je wahrlich verstehen, was es hieß, ein Kind Nirns zu sein.

"Ei - Bild - Mann - Gott ..." Und dann ein Blick auf die Aufzeichnungen zu den Städten. Die Uhrwerkstatt, nach ihrem Schöpfer auch Sotha Sil genannt. Gramfeste, die Stadt des Lichts und der Magie, Almalexias Stadt. Zuletzt die Kantone der Stadt der Schwerter, Vivec. Und damit für alle drei jeweils der fünfte Schritt des PSJJJJ-Versprechens.

"Bedenkt man, daß nur Sterbliche die Möglichkeit haben, Lorkhans Geschenk zu empfangen und CHIM zu erreichen", wiederholte er leise seine eigenen Worte aus dem Gespräch mit dem Ordinator. "Was die Drei zu den einzigen Göttern machen würde, denen dies möglich ist."

Er war sich ziemlich sicher, daß keiner der drei den letzten Schritt bisher gegangen war - zu viele Mißstände, zu vieles das längst geändert wäre, verfügte einer der drei über solche Macht. Die Zustände in Gramfeste, der Beinahe-Absturz Baar Daus, Sehts Beteiligung während der Machenschaften des Hofs des Aufruhrs.

Dennoch ... die Aussicht auf CHIM, das Wissen um das Leben als Sterbliche, die Ungebundenheit von der strikten Trennung zwischen Anu und Padomai ... und die Möglichkeit, direkt in die Geschicke Mundus' einzugreifen, weit über allem, was den et'Ada zur Verfügung stand.

"Warum ...?" murmelte er verständnislos, während er die restlichen Aufzeichnungen nach Hinweisen durchsuchte. Sinnbilder, Poesie, Regeln. Die Weisheit, die Gemeinschaft des Paktes zu suchen, mit Sonderregelungen, um die eigene Anhänger nicht zu verärgern. Jeder Schritt scheinbar darauf ausgelegt, das Volk der Dunmer zu stärken. "Warum laßt Ihr dann derartiges zu? Darin liegt keine Stärke, kein Vorankommen. Warum ...?"

Er fand keine Antwort, und er würde sie in dieser Nacht auch nicht finden, die für ihn irgendwann auf dem Boden zusammengerollt zwischen seinen Notizen und Aufzeichnungen endete. Geplagt von neuerlichen Träumen über tote Khajiit und dunmerische Priesterinnen.

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DerDualist (16.09.2020), Aykami (16.09.2020), Rae (06.10.2020)

9

Mittwoch, 23. September 2020, 14:56

[ Doch wieder eine Warnung: Explizite Selbstverletzung in den nächsten beiden Einträgen (wenn auch aus medizinischen Gründen). ]

Der Betrunkene Guar, Taverne am Amaya See, Vvardenfell
Morgen des 23. Herdfeuer, 2Ä588

Narben


Die wohlige Wärme in seinem Rücken hätte ihn beinahe dazu verleitet, seine Pläne fallenzulassen.

Sich einfach nochmals herumzudrehen, sich gegen das verlockend kuschlige Gold zu schmiegen und den Tag einfach Tag sein zu lassen. Den Morgen einläuten, träge und faul wie in den Tagen zuvor. Mit jeder Menge Gemütlichkeit, vielleicht einem kräftigenden Frühstück - so er die Zurückhaltung finden konnte, den Koch nicht allzu sehr von seiner Tätigkeit abzulenken.

Ein Anflug von Pflichtbewußtsein war es aber, welcher ihn letztendlich unter einem sachten Aufseufzen die Augen öffnen ließ. Behutsam wand er sich unter dem Arm hervor, der ihn mit verführerischer Sanftheit umschlungen hielt, und krabbelte beinahe lautlos aus dem Bett. Immer wieder wanderte der Blick zu der dort ruhenden Gestalt, auch wenn er sich selbst versicherte, es wären nur Kontrollblicke, ob er den Schlaf des Hausherren nicht durch eine unbedachte Bewegung gestört haben könnte.

Auf bloßen Füßen huschte er hinter den Raumtrennern vorbei hinüber zur Bibliothek, wo er seine neuesten 'Errungenschaften' in einem der oberen Regale versteckt hatte. Drei Bücher, eines davon wenig mehr als eine Ansammlung weniger Seiten. Und doch hielt er jene Werke an die vernarbte Brust gedrückt, als wären es unbezahlbare Schätze.

Sein Waffengurt war mal wieder achtlos über die leicht erhabene Tischkante geworfen - statt den Gurt selbst jedoch zu greifen, löste er lediglich den Dolch aus seiner Verankerung, um dann wieder zurück hinter den ersten Paravent zu huschen. Und dort innezuhalten. Das Risiko war eigentlich viel zu groß, durch sein neuerliches Näherkommen den Schlafenden zu wecken, doch waren Besonnenheit und Zurückhaltung in letzter Zeit noch weniger seine Gefährten als ohnehin schon unter normalen Umständen.

"Bitte verzeih mir, Rielle ..." hauchte er leise, denn er war sich mehr als sicher, daß der Wirt sein Vorhaben nicht gutheißen würde. Ein letzter, kaum noch wahrnehmbarer Kuß auf die Wange des Goldmers, dann schlich er sich endgültig zur Tür des kleinen Balkons hinüber.

Vvardenfell begrüßte ihn mit der üblichen Mischung aus unterschwellig ascheverhangener Frische und einer föhnigen Wärme, welche selbst früh morgens nie ganz zu weichen schien. Das Magnusrund war noch nicht hinter dem Horizont hervorgekrochen, weshalb sich der junge Mer hauptsächlich auf das Licht der Monde verlassen mußte, als er sich an der Hauswand entlangarbeitete. Ganz ungefährlich war der Umstand nicht, denn er wußte nur allzu gut, daß das Geländer nach wenigen Armlängen endete und dahinter jeder Schritt mit einem Fall auf den unteren Teil des Daches enden konnte.

Entsprechend zögerte er nicht lange, nach Umrunden der Hausecke die abends heimlich hergerichtete Laterne mit einem Wink und einem leisen Flüstern zu entzünden. Der Schein der Lichtquelle war gerade ausreichend, die kleine Mauernische neben dem Fenster zu erhellen, ohne das verräterische Flackern im Inneren erkennbar zu machen.

Viel Platz blieb ihm nicht zwischen Fensterrahmen und Kante des Balkons, doch zumindest würde ihn der Wirt hier nicht so einfach erspähen, sollte er frühzeitig erwachen und hier draußen ein wenig frische Morgenluft schöpfen. Und allzu viel Geräumigkeit würde er für sein Vorhaben ohnehin nicht benötigen.

Er zog den kleinen Beutel in den Schoß, welchen er wie die Lampe am vorangegangenen Abend hier herausgeschummelt hatte, während der Hausherr noch mit der Bewirtung der Gäste beschäftigt gewesen war. Zwei Fläschchen, eine Reihe von Tüchern und eine Rolle Bandagen kamen zum Vorschein und wurden fein säuberlich neben den Büchern bereitgelegt. Eines davon schlug er auf einer vorher markierten Seite auf, um die dort verzeichneten Schemata sichtbar zu machen.

Und dann griff er nach dem Dolch.

"Rakeipa Kude Kuoko", flüsterte er, während er Zeige- und Mittelfinger sachte über die Seite der Klinge zog. Es war nur ein kurzes, kraftvolles Aufzüngeln von Flammen, welche das Metall für den Bruchteil eines Herzschlages einhüllten. Dann ruhte der Dolch wieder kalt und dunkel in seiner leicht bebenden Hand. Ein paar Tropfen Wundalkohol sollten den Rest erledigen, auch wenn es sich mehr wie ein Herauszögern des Unvermeidlichen anfühlte, als er mit dem entsprechenden Fläschchen hantierte.

Am Ende blieb ihm dann doch nichts anderes übrig, als den linken Arm auf die eigenen Knie zu betten und unschlüssig auf die vernarbte Haut hinabzublicken. Es war ja nun nicht gerade so, als hätte er sich nicht oft genug schon selbst verarztet, als wäre es das erste Mal, daß er die Zähne zusammenbeißen und sein schmerzhaftes Werk vollbringen mußte. Und doch ... gefühlt machte es doch einen immensen Unterschied, eine bestehende Wunde zu behandeln - oder sich darauf vorzubereiten, sich eine solche selbst zuzufügen.

"Gut ..." murmelte er mit einem deutlich bitteren Unterton in der Stimme. "Zumindest jener Teil meines Selbsterhaltungstriebs scheint noch funktionsfähig."

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Aykami (24.09.2020), Rae (06.10.2020)

10

Donnerstag, 24. September 2020, 13:42

[ Ja, ne ... "nicht so harmlos wie Fyres Thread"
Sorry, nochmal Warnungen: Weiterhin Selbstverletzung, ungute Flashbacks, Blutmagie, angedeutete Gewalt ... die ganze Palette ... *wirft frustriert die Arme in die Luft* ]


Ein tiefer Atemzug füllte seine Lungen mit frischer Morgenluft und einem Hauch von Asche.

Der erste Schnitt würde keinen Schmerz verursachen, versuchte er seinen eigenen inneren Widerstand zu beschwichtigen. Er hatte sich eine der am übelsten verheilten Narben ausgewählt, eines dieser wulstigen Erinnerungsstücke aus der Zeit vor seiner Ausbildung. Fast ein Fingerbreit Narbengewebe, das er gemäß den Anweisungen erst einzukerben hatte, um dann keilförmig zu beider Seiten tief genug zu schneiden, daß nur noch gesundes Gewebe übrigblieb. Die Darstellungen, sowohl der rein physischen Vorgänge, als auch der arkanen Anwendungen, waren dabei erstaunlich detailliert gehalten.

Es war nicht etwa die Abschrift des Sapiarchen für Chirurgische Veränderung, welche er aufgeschlagen hatte. Jene hatte sich ihres Anschaffungspreises mehr als wert gezeigt, hatte sie doch den größten Teil der tiefergehenden Theorie hinter den entsprechenden Konzepten geliefert. Die praktischen Anleitungen aber hatte einer seiner Schüler an der Fakultät zu Wolkenruh verfaßt. Geprägt durch erstaunlich klare, direkte Formulierungen und von Illustrationen begleitet, für welche laut Appendix ein Meister der Zeichenkunst eigens herangezogen wurde.

Während er sich mit derlei Gedankengängen selbst ein wenig abzulenken vermochte, hatte sich die Schneide des Dolches bereits ein Stück weit in den Narbenwulst vorangebissen. Er mußte feststellen, daß er Vorgang keineswegs gänzlich schmerzfrei war - so man das unangenehme Ziehen als Schmerz bezeichnen mochte. Rundumliegendes Gewebe wohl, welches sich durch den Eindringling offenbar beleidigt fühlte.

Erleichtert zog er die Hand zurück, als er sein Tun beendet hatte - die Finger hatten mittlerweile ein ungesund kräftiges Zittern angenommen, welches ihm bei derart präziser Arbeit so ganz und gar nicht behagen wollte. Aber es war ohnehin Zeit für den ersten arkanen Part. Er war beim Durchgehen der Dokumente durchaus erstaunt gewesen, wie gefährlich nahe die Konzepte an den Lehren des Verräters vorbeischrammten. Im Grunde genommen, sah man von der Neubeseelung durch daedrische Essenz und der filigranen, altmerisch perfektionistischen Vorgehensweise ab, handelte es sich um exakt jene Kunst der Neuformung des Fleisches, die er selbst nur allzu gerne zu benevolenten Zwecken einzusetzen versuchte.

Immerhin hatte ihm jene Art der Magie, unabhängig von ihrem einst mehr als zwielichtigen Ursprung, bereits das Leben gerettet.

Die Erinnerungen schlichen sich so langsam und unbemerkt im seine Gedanken wie üblich. Erst nur die wagen Vergleiche mit seiner aktuellen Situation - die harte Mauer in seinem Rücken, die Beengtheit seines gewählten Rückzugsortes, das Beben seines Körpers. Dann weckte die mentale Vorbereitung auf den bevorstehenden Schmerz den Nachhall tatsächlicher Pein. Der Versuch, sich auf den bevorstehenden Magickafluß einzustimmen, brachte ihn zurück zu jenen panischen Momenten, als er wild und unkontrolliert Fleisch und Haut um das nur knapp an seinem Herzen vorbeilaufende Loch geschart hatte - unter hektischen, rasselnden Atemzügen das Blut in seiner Lunge zu Magicka hatte umgewandelt, um den Vorgang irgendwie zu nähren.

Das Klirren der Klinge, als sie auf dem Boden des Balkons aufschlug, drang nur noch aus weiter Ferne an seine Sinne heran.

Viel zu sehr war er damit beschäftigt, den metallenen Geschmack auf der eigenen Zuge wieder zu erleben, den Schmerz unzähliger Klauen- und Bißwunden, aber auch die langsam versiegende Wärme des fürchterlich zugerichteten Körpers, welcher halb über ihm zusammengebrochen war. Die unterarmdicken Eisgebilde, welche in einem Moment der ungezügelten Panik und des daraus resultierenden Hasses die gesamte Leichengrube in ein letales Wirrwarr aus kältedampfenden Speeren verwandelt hatten, waren zu jenem Zeitpunkt längst schon geschmolzen gewesen.

Ein erstes Anzeichen nur dafür, wie lange er schon dort unten verbracht hatte, zwischen den knöchernen Überresten früherer 'Besucher' der Grube, welche von den bewußt ausgehungert gehaltenen Tieren fast restlos abgenagt waren.

Das Schmelzwasser hatte sich nicht etwa auf dem Boden mit dem Lebenssaft des auf ihm lastenden Tierkadavers vermengt, denn jenen hatte er in seiner Verzweiflung innerhalb weniger Momente umgewandelt, um sich selbst nur irgendwie am Leben zu erhalten. Die Instinkte hatten dabei gänzlich übernommen, die monatelang einstudierten Zauber gewirkt - Wunden notdürftig verschlossen, Entzündungsherde grob entfernt, die körpereigene Blutregeneration wage stimuliert.

Stunden, Tage in jenem Zustand. Das vehemente Festklammern an einem Leben, das zu verlieren er eigentlich gekommen war. Die Panik, die Verzweiflung, die Einsamkeit. Feuchte Kälte in den müden Gliedern, und überall ...

Mit einem nahezu schmerzhaft tiefen Atemzug versuchte er sich selbst ins Hier und Jetzt zurück zu reißen, das Gefühl des ihn lähmenden Schreckens herunter zu kämpfen. Ja, er war alleine, nackt, gegen eine Mauer gedrängt ... aber in Sicherheit. Unverletzt. Auf dem Balkon seines Mallarivarla, dessen Umarmung nur wenige Schritte entfernt auf ihn wartete.

Eilig und ein wenig abgehakt waren die Handgriffe, mit welchen er seine Ausrüstung zurück in den Beutel stopfte. Unter der aktuellen Gefühlslage würde er niemals einen Patienten behandeln, und zur Abwechslung zeigte er sich vernünftig genug, sich selbst dieselbe Höflichkeit zuzugestehen. Morgen, versprach er sich selbst und seinem aschländischen Kollegen gedanklich, würde er es erneut versuchen. Ganz ohne Druck. Ohne Reminiszenz seines Todes. Ohne das Zittern, welches seinen Körper noch immer fest im Griff hielt.

Und auf leisen Sohlen huschte er zurück ins Innere, um in den Armen seines Wirten ein wenig Trost zu finden.

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Aykami (25.09.2020), Rae (06.10.2020)

11

Dienstag, 6. Oktober 2020, 13:50

Übungsplatz der Kriegergilde nahe Balmora, Vvardenfell
5. Eisherbst 2Ä588

Willkommen auf Vvardenfell



Unter einem protestierenden Krachen prallte das hölzerne Übungsschwert erneut gegen den salzreisgepolsterten Torso der Übungspuppe. Viel zu kräftig, gänzlich ohne Technik - was sich in einem schmerzhaften Ziehen entlang des Armes bemerkbar machte.

Oder bemerkbar gemacht hätte, wenn der goldhäutige Lehrling auch nur die geringste Aufmerksamkeit auf sein Treiben gerichtet hätte. Stattdessen aber hingen seine Gedanken gänzlich in der Vergangenheit, in den Geschehnissen nicht nur des vergangenen Tages, sondern ebenso der Wochen davor. Wochen voller Demütigung, Angst, Lüge und Verrat.

"ARGH!" Die zweite Hand schloß sich um den Griff der Holzwaffe, um den nächsten Schlag mit doppelter Wucht auf das massive Gestell niedersausen zu lassen.

Es waren die Momente der Sicherheit und Geborgenheit, welche ihm bisher die Kraft gegeben hatten, die legendäre Gastfreundschaft der Vulkaninsel zu ertragen. Die zärtlichen Stunden in den Armen seines Rielle Mallarivarla, die teils vollkommen ohne Worte auskommende Kommunikation mit seiner liebsten Auftraggeberin, die vertrauensvollen Gespräche mit dem Aschländer.

Nur vor diesem Hintergrund hatte er den beständigen Spott ertragen können, hatte selbst dem widerlichen Sklaventreiber ins Gesicht lächeln können, als dieser das Fehlen von Ketten um seine Handgelenke bemängelt hatte. Eine neuerliche Welle des Zorn ergriff ihn bei diesem Gedanken, aber nicht dem Fremden gegenüber - vor sich sah er lediglich die Gesichter des einäugigen Aschländers und seiner Tochter.

Wie weit er an jenem Abend wohl für diese gegangen wäre?

Er hatte seine Magicka bereits in seiner Handfläche konzentriert, sich bereits auf den Angriffszauber besonnen - bereit, eine Dunmer unter den Augen mehrerer Tavernengäste anzugreifen. Verteidigung eines unschuldigen Mädchens hin oder her, er war sich selbst in jenem Moment nur allzu bewußt gewesen, was das für ihn als n'wah für Folgen gehabt hätte.

"Vierfach - verfluchter - Vollidiot!" Jedes der wütend hervorgepreßten Worte begleitete einen weiteren kräftig geführten Schlag gegen das wehrlose Übungsgestell.

Selbst unter dem Verhör des Redoran hatte er noch versucht, Schaden von den beiden fernzuhalten, Verdachtsmomente von ihnen abzulenken, ihnen zumindest ein paar Stunden von Freiheit zu erkaufen. Bis zu jenem Moment, als die Lüge der beiden aufgeflogen war. Als er erkennen hatte müssen, daß die kleine 'Familie', die er in ihnen gefunden zu haben geglaubt hatte ... nichts weiter war als Lug und Trug. Eine Möglichkeit, einen dummen, goldhäutigen n'wah auszunehmen.

Durch den Tränenschleier hindurch konnte er kaum noch wahrnehmen, worauf er da wild einprügelte - daß die Übungspuppe längst das Übergewicht bekommen hatte. Als Ziel mußte nun die nächstbeste der niedrigen Mauern herhalten, welche den Übungsplatz vom restlichen Areal abgrenzten.

Woher er die Kraft genommen hatte, am nächsten Morgen nach Gnisis aufzubrechen, konnte er selbst nicht sagen. Es wäre die perfekte Möglichkeit gewesen, sie dort in der Zelle verrotten zu lassen. Sich für die Schmach und Pein der vergangenen Wochen zu rächen, ihnen heimzuzahlen, daß die beiden ihm das Herz aus der Brust gerissen hatten und lachend darauf herumgetanzt waren.

Aber seine Ausbildung unter der gestrengen Rothwardonin war eben nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, und gerade hier in den harschen Landen der Dunmer klammerte er sich an seinen damals neugefundenen Werten fest wie ein Ertrinkender an einem Stück Treibholz. Pflichtbewußtsein und Aufrichtigkeit. Er hatte sich geschworen, Sera Arvel zu helfen, nicht ihre Tochter der Willkür eines aufgeblasenen Redoran zu überlassen. Und er hatte dem Aschländer geschworen, ihm das Zeichen seiner einstigen Versklavung zu entfernen, nicht ihn hinter Gittern versauern zu lassen.

"N'chow, khebreit khestisif s'wit!(1)" verfluchte er sich selbst, während er mit einem letzten, kräftigen Schlag das Holz seiner Übungswaffen endgültig in die Knie zwang. Unter lautem Splittern brach das gute Stück entzwei, bis der obere Teil der 'Klinge' nur noch an einigen mickrigen Fasern schief zur Seite hin weg hing.

"Wird dir vom nächsten Auftrag abgezogen, Goldbratze ..." Der aschhäutige Krieger hatte es sich ein Stück abseits auf der Mauer bequem gemacht und den Jungmer mit einem amüsierten Schmunzeln beobachtet, welches sich bei diesen Worten letztendlich zu einem hämischen Grinsen emporgezogen hatte. "Hoffe, es hat sich wenigstens gelohnt?"

Schnaubend wirbelte der Altmer herum, einen winzigen Moment lang versucht, die Überreste seiner Waffe gegen den verhaßten 'Kameraden' zu schleudern. Schließlich war der breitschultrige Dunmer nur ein weiteres Steinchen in diesem grausamen Mosaik aus Demütigung und Schmerz.

"Möget Ihr vierfach verflucht sein. Ihr alle! Eure verdammten Lügen, Euer Betrug, Eure Grausamkeit! Elende fahraag(2), verfluchte fetcheer(3)!" warf er dem sichtlich amüsierten Dunmer stattdessen entgegen.

Der ließ sich nur von seinem erhöhten Platz auf der Mauer gleiten, um sich von dem offenbar abgeschlossenen Spektakel des komplett ausrastenden Altmers abzuwenden und sich stattdessen wieder wichtigeren Aufgaben zu widmen. Nicht aber, ohne nochmals sardonisch-vergnügt über die Schulter zu rufen:

"Willkommen auf Vvardenfell, Goldbratze."



Zitat


(1) N'chow, khebreit khestisif s'wit!
Verdammt nochmal, dummer goldener Schwachkopf!

(2) fahraag
Mörder

(3) fetcheer
Diebe

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Rae (06.10.2020), Aykami (06.10.2020)

12

Sonntag, 11. Oktober 2020, 15:58

Der Betrunkene Guar, Taverne am Amaya See, Vvardenfell
Frühe Morgenstunden des 11. Eisherbst 2Ä588

Der Preis eines Versprechens



Zitternd wanderten seine Finger über die aufgeschlagene Seite des in seinem Schoß ruhenden Folianten. Die Zeichnung des Symbols vorsichtig nachfahrend, als könnte er damit dessen Bedeutung geltend machen. Oder aber revidieren? Er war sich im Moment nicht sicher, was ihm wohl tatsächlich lieber wäre.

Er war sich natürlich darüber im Klaren, daß er nach den vergangenen Tagen schlicht nicht in der Verfassung war, eine derart einschneidende Lebensentscheidung zu treffen. Sich ... näher zu informieren über die genauen Umstände aber? Konnte es wirklich schaden, sich die Details jetzt schon anzueignen, lange bevor die Entscheidung selbst getroffen war?

Warum schrie dann alles in ihm danach, das Buch zu schließen und am Besten heute noch in den verrauchten, alles andere als seriös wirkenden Laden zurückzubringen, in welchem er es damals erstanden hatte? Warum vergönnten ihm die seit seiner letzten Lehrstunde im Kreis laufenden Gedanken keine Runde erholsamen Schlafes? Und warum hatte er das Gefühl, die Entscheidung ohnehin schon getroffen zu haben?

Aber war der mögliche Preis dafür gerechtfertigt? Ein Versprechen mochte ein Versprechen sein, doch nicht zu jedem Gegenwert - und in diesem Falle war es nicht nur das eigene Leben, welches er riskieren müßte, sondern gar seine Seele, seine Essenz, sein unsterbliches Ich.

Er wußte, daß er für einen Freund vermutlich nicht lange zögern würde, so närrisch die Einstellung auch sein mochte. Eine Seele für eine Seele, so es vonnöten war. Doch für eine Persone, welche er ...

Ja, was eigentlich? Haßte? Bis zu jenem Gespräch auf der Zwischenterrasse der Taverne hatte er sich selbst in der Vorstellung gewogen, nichts weiter als Haß für den einäugigen Dunmer zu empfinden. Er hatte sich selbst in einen Kokon aus Ablehnung gewickelt, um nur ja nichts zu nahe an sein Herz heranzulassen.

Dumm aber war er nicht, er wußte nur allzu gut, daß seine Reaktionen in jenem Gespräch anders ausgefallen wären, ließe sich seine Gefühlslage tatsächlich auf eine rudimentäre Emotion wie Haß herunterbrechen. Er wäre nicht in Tränen ausgebrochen, hätte ihrem Vorschlag nicht zugestimmt, hätte sich nicht diesen Funken Hoffnung freigehalten.

Und er hätte sich nicht einen ganzen Tag lang in Suran aufgehalten, um sich dort nach dem Verbleib von Vater und Tochter zu erkundigen.

Sein Blick ging zurück auf das Buch, auf das dort prangende Emblem des Daedrafürsten.

Und war es wirklich von Bedeutung? Seine Gedanken begannen sich erneut im Kreis zu drehen, als er sich fragte, ob Haß oder Liebe tatsächlich einen Unterschied machen sollten. Er hatte eine Aufgabe angenommen, ein Versprechen gegeben. Was sagte es über ihn aus, machte er jene Entscheidung nun von seinen Gefühlen gegenüber einem Patienten abhängig?

Seufzend entschied er sich, das Schriftstück doch noch beiseite zu legen und sich stattdessen einer anderen Beschäftigung zu widmen, solange er zu aufgewühlt war, einen klaren Gedanken zu fassen. Zu einem Ergebnis würde er im Moment ohnehin nicht kommen, und es gab wichtigere Dinge zu erledigen.

Und so wirbelte wenig später eine Gestalt durch das still liegende Gasthaus, um das Chaos des letzten Abends zu beseitigen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Nathrai« (11. Oktober 2020, 16:04)


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Sushi (11.10.2020), Rae (11.10.2020), Aykami (11.10.2020)